"Wir brauchen den Methodentransfer"
Geowissenschaften sind stark diversifiziert und stellen die Summe von Einzeldisziplinen dar
Das "System Erde" eint die Geowissenschaftler zu neuen interdisziplinären Forschungsansätzen. Zuvor müssen Sie jedoch eine gemeinsame Sprache lernen. Meint Professor Rolf Emmermann, Vorsitzender der Alfred Wegener-Stiftung.
kosmos: Herr Professor Emmermann, als Präsident der Alfred Wegener-Stiftung vertreten Sie wie viele geowissenschaftliche Gesellschaften und Vereinigungen?
Rolf Emmermann: Ganz aktuell sind es 25.
Darunter sind Mitglieder von der "Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin" bis zur "Paläontologischen Gesellschaft" oder dem "Deutschen Markscheider-Verein". Haben diese Extreme noch Gemeinsamkeiten?
Die Geowissenschaften sind traditionell stark diversifiziert und stellen eigentlich eine Summe von Einzeldisziplinen dar. Das ist nur bei den marinen Geowissenschaften anders: Da für die Forschung Schiffe benötigt werden, müssen alle gemeinsam planen und sich auf ein Ziel einigen, so dass hier traditionell eine enge Kooperation stattfindet.
Ein solches gemeinsames Ziel ist bei den Geowissenschaften nicht in Sicht?
Die Einzeldisziplinen haben erst in den letzten 20 Jahren gelernt, dass sie einen gemeinsamen Forschungsgegenstand, nämlich die Erde, haben. Und dieses System Erde mit seinen Wechselwirkungen von Geosphäre, Hydrosphäre, Atmosphäre und Biosphäre ist so komplex, dass seine Funktionsweise nur in einem fachübergreifenden Verbund aller Disziplinen und Methoden verstanden werden kann. Das schlägt sich übrigens auch in der Ausbildung nieder. Viele Universitäten diskutieren, Fächer wie Geologie, Paläontologie, Mineralogie, Geophysik und an manchen Orten auch Bodenkunde zu einem gemeinsamen Grundstudium zusammenzuschließen oder sogar einen gemeinsamen Diplom-Abschluss "Geowissenschaften" zu verleihen.
Wo erwarten Sie in nächster Zeit die großen Durchbrüche?
Ein großes Thema wird sicherlich das Klima sein. Bisher haben sich vor allem Meteorologen und Physiker damit beschäftigt und Modell-Szenarien für die Zukunft entworfen. Der Beitrag der Geowissenschaften ist das Verständnis des Klimageschehens in der Vergangenheit, um daraus Schlüsse für die Zukunft zu ziehen. Am Geoforschungszentrum Potsdam...
...dessen Vorstand Sie ebenfalls vorsitzen...
... gibt es ein breit angelegtes Projekt zur Erforschung des Klimas in historischer Zeit - und das hochaufgelöst auf Jahresbasis für die vergangenen 10.000 Jahre. Wir nutzen die Klimaarchive Eiskerne, Baumringe und Sedimente aus marinen und kontinentalen Bohrungen, und zum ersten Mal arbeiten die beiden Communities - die Physiker und die Geowissenschaftler - an einer gemeinsamen Fragestellung. Ziel ist es, durch eine "Rückwärts"-Modellierung des vergangenen Klimas die Klimamodellierungen für die Zukunft zu testen. Aber erst einmal müssen alle die gleiche Sprache lernen.
Mit Themen wie diesen beherrschten die Geowissenschaften vor allem in den 80er Jahren die gesellschaftlichen Debatten. Inzwischen haben es die Biowissenschaften geschafft, die Umweltforschung aus der öffentlichen Wahrnehmung zu verdrängen, zumindest in Deutschland. Vor einem Jahr legte die Bundesregierung ein Rahmenprogramm für die Biotechnologie mit 860 Millionen Euro auf. Packt Sie da nicht der Neid?
Mit der Gentechnik haben die Biowissenschaften ein großes konkretes Thema gefunden, während wir einen Katalog von Themen haben. Dennoch sind die Biowissenschaften im Vergleich keineswegs so gut organisiert wie die Geowissenschaften. Zur Zeit gibt es ein neues gemeinsames Großprogramm zur Erforschung des Systems Erde, GEOTECHNOLOGIEN, das vom Bundesforschungsministerium und der DFG finanziert wird und die Vernetzung der Community vorantreiben und verstärken soll. Dabei arbeiten Universitätsinstitute und außerunversitäre Einrichtungen fachübergreifend und mit der Industrie zusammen. Ziel ist es, das Spektrum von der Grundlagenforschung bis zur Anwendung abzudecken und Technologien zum Erdmanagement zu entwickeln.
Haben Sie Beispiele?
Nehmen Sie zum Beispiel Naturgefahren und Vorsorgemaßnahmen. Dies wird um so gravierender, je hochtechnisierter die Gesellschaften sind. So glauben viele bei uns, dass Erdbeben in Deutschland keine Gefahr darstellen. Tatsächlich jedoch stufen die Rückversicherer, wie zum Beispiel die Münchner Rück, potenzielle Schäden durch Erdbeben in Deutschland als besonders hoch ein. Vor allem aber ist in Deutschland die Kombination unterschiedlicher Naturgefahren, wie Hochwasser, Sturm, Hagel oder Erdbeben, noch sehr wenig untersucht.
Die Fragen stellte Florian Klebs.
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