Sprache als Abenteuer von Wissen und Erkenntnis
Die Linguistin Prof. Lisa Block de Behar
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Lisa Block de Behar |
Lisa Block de Behar hat zur Zeit einen Lieblingsplatz: Die Staatsbibliothek in Berlin. Dort erlebt die 65jährige Linguistin das, was sie ihr ganzes Forscherleben angespornt hat, das "Abenteuer Wissen und Erkenntnis", wie sie es nennt. Beim Studium der Literatur untersucht die Humboldt-Forschungspreisträgerin derzeit, wie totalitäre Regime Sprache für ihre Propaganda-Zwecke einsetzt. Insbesondere analysiert sie die dabei festgestellte Tendenz, auf archäologische Formen zurückzugreifen, diese aber stark zu vereinfachen. Es entstehen so genannte Passwörter, die erst die Zugehörigkeit zur herrschenden Gruppe ermöglichen.
Wenn die Professorin aus Montevideo in Uruguay auf die Entwicklung ihrer wissenschaftlichen Schwerpunkte blickt, sieht sie diese entlang der herrschenden theoretischen und kritischen Richtungen der vergangenen 50 Jahre. "Ich habe die thematischen und methodischen Phasen sowohl in Europa als auch in den Vereinigten Staaten mitverfolgt und geteilt." Ihre intensive Beschäftigung mit der Sprachwissenschaft stieß Eugenio Coseriu in Montevideo an. Seine linguistischen und sprachphilosophischen Theorien lernte Lisa Block de Behar in den späten 50er Jahren kennen.
Fremd und doch vertraut
Dass diese strukturalistische Ausbildung auf fruchtbaren Boden fiel, liegt auch am familiären Hintergrund der Humboldtianerin. Geboren in Montevideo wuchs sie in einer deutsch-jüdischen Emigrantenfamilie auf. "Auch wenn die Familie und die Freunde versuchten, sich in der Kultur Uruguays zurechtzufinden, so haben sie doch nie aufgehört, ihre eigenen Traditionen zu leben, Traditionen, in denen sich jüdische und deutsche Kultur überlappten." Das geschah nicht aus Nostalgie, sondern aus dem Bedürfnis, die eigene kulturelle Identität in dem neuen Land wiederaufzubauen.
Diese Kindheitsprägungen sind Ursache für eine merkwürdige Erfahrung, die Lisa Block de Behar in Berlin macht: "Als ich hierher kam, dachte ich aus vielen Gründen, ich komme in ein fremdes Land, in eine fremde Kultur, und doch ist es so, als ob ich schon immer hier gelebt hätte." Nicht die Unterschiede zwischen ihrer Heimat und dem Gastland erstaunen sie, sondern manche Vertrautheit wie sie etwa in Namen von Straßen, Plätzen oder auch Bezeichnungen von bestimmten Mahlzeiten oder in Gesten und im Habitus von Menschen auftaucht.
"Die erste Bibliothek, an die ich mich erinnern kann, war voller deutscher Bücher. Vor allem eine alte Ausgabe des Brockhaus steht mir noch klar vor Augen." Im Hause Block drehte sich viel um Sprache. Wörter und Bedeutungen sowie Vergleiche zwischen Sprachen waren immer ein Thema. Auch die Namen deutscher Autoren und Philosophen hörte das damals junge Mädchen oft. Deutsch hat sie allerdings nie systematisch gelernt. "Ich empfand eine tiefe Abneigung gegenüber dieser Sprache. Vermutlich habe ich sie nur mit den aggressiven Stimmen der Nazis verbunden, die wir damals aus dem Radio hörten." Die Eltern sprachen mit ihrer Tochter ausschließlich Spanisch, obwohl die Eheleute miteinander in Deutsch oder Jiddisch redeten.
Abkehr vom Strukturalismus
Als Lisa Block de Behar sich der Wissenschaft zuwandte, war der Strukturalismus die vorherrschende Theorie jener Jahre. Doch die Linguistin distanzierte sich allmählich: "Es gab zu viele Schemata, ein zu starkes Streben nach Einheiten und Definitionen. Ich versuchte, in der Sprache andere Beziehungen zu finden als die rein systematischen." Die Südamerikanerin interessierte sich für die Beziehungen zwischen Texten, die Präsenz von Werken in anderen Werken. Die Theorie der Intertextualität, wie sie der französische Literaturwissenschaftler Gérard Genette in seinem "Palimpseste" formulierte, bot ihr den guten Zugang zur Sprachwissenschaft. In die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Interaktion zwischen Texten gehörte für sie auch die Einbindung von Bildern, Gemälden, Filmen und Fotos. Vor allem die Beziehung zwischen erzählender Literatur und Kino fesselte sie. Die Analysen des französischen Filmsemiologen Christian Metz und seiner Nachfolger gaben der Wissenschaftlerin entscheidende Impulse.
Als die Militärdiktatur in Uruguay dem Ende zuging und an den Universitäten neue Disziplinen entstanden, machte sich Lisa Block de Behar mit der Kommunikationswissenschaft vertraut. 1985 gründete sie den Lehrstuhl für Semiotik, später für Semiotik und Theorie der Interpretation.
Seit den 70er Jahren befasste sich die Forscherin mit der Sprache der Werbung zu, in erster Linie mit dem Zusammenspiel von Sprache und Bildern. "Obwohl die Semiotik stark von französischen Theoretikern bestimmt war, hielt ich es für unerlässlich, auch andere europäische und amerikanische Perspektiven wie die von Thomas A. Sebeok zu berücksichtigen", sagt sie. Während der 80er Jahre ergaben sich Gemeinsamkeiten mit den Theorien der Semiotiker an der Universität in Yale/USA und ihren eigenen Arbeiten. Lisa Block de Behar diskutierte vor Ort mit den Kollegen, und diese kamen nach Uruguay, um dort ihre Theorien vorzustellen wie Jacques Derrida, Geoffrey Hartman, J. Hillis Miller. Einladungen der Universidad de la República folgten auch Genette, Metz und Sebeok sowie der Turiner Philosoph Gianni Vattimo.
Die geistigen Väter
Zwei Wissenschaftler will Lisa Block de Behar unbedingt nennen, ihnen verdankt sie viel: Ihre Lehrer aus Uruguay, Emir Rodriguez Monegal und Carlos Real de Azúa. "Beiden war es ein wichtiges Anliegen, stets auf dem Laufenden zu sein, was die aktuelle Forschung in Europa und Nordamerika angeht, ohne ihren lateinamerikanischen Blickwinkel zu verlieren oder über ihre kulturellen Wurzeln in Uruguay hinwegzugehen", sagt die einstige Schülerin.
 | Zu ihren geistigen Vätern zählt Lisa Block de Behar Jorge Luis Borges, Wegbereiter der modernen lateinamerikanischen Literatur (1899-1986), und Walter Benjamin (1892-1940). In mehreren Büchern untersuchte die Linguistin das Werk Borges'. Die Analyse seiner Schriften, Gedichte, Erzählungen öffnen den Weg zu umfassenderen Theorien, die die eigenen Grenzen des Autors und seiner Schöpfung überschreiten. Es ist die "Ästhetik des Verschwindens", die die Wissenschaftlerin fasziniert und mit der sie sich wissenschaftlich schon sehr lange auseinandersetzt. Das Verschwinden von historischen Gegebenheiten, von geographischen Bestimmungen, das Fehlen von Grenzen zwischen literarischen Genres, die Zweideutigkeit zwischen Figuren, die Auflösung der Unterschiede zwischen Wirklichkeit und ihrer Reproduktion - um einige der Aspekte zu nennen, die diese Ästhetik Borges prägen. Ebenso ist sein Werk durch die Suche nach einem einzigen Wort oder Buchstaben geprägt, denn alles verschwindet, bis auf das eine, wonach der Autor sucht.
In diesen literarischen Vorstellungen Borges sieht Lisa Block de Behar eine vielfältige Beziehung zu den philosophischen Gedanken Walter Benjamins, seiner Theorie der Übersetzung und seiner etymologischen Suche nach dem Ursprung der Wörter. "Die wissenschaftliche Beschäftigung mit beiden Autoren haben mich veranlasst, die poetischen Spuren einer Art Vor-Sprache zu verfolgen." Die Preisträgerin spricht von der "Edenic language", Spur einer Vor-Sprache, in der poetische Beispiele reichlich vorhanden sind und mit zunehmender Forschung zutage treten. Das bedeutet für Lisa Block de Behar "Abenteuer von Wissen und Erkenntnis". Da sieht sie die Herausforderung, deren linguistische, semiotische, rhetorische, hermeneutische und philosophische Substanz durch die Forschung wieder hervorkommt. "Der beste Weg dabei voranzukommen führt in die Bibliothek. Und in Berlins Bibliotheken fühle ich mich fast wie im Paradies."
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