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Tanz in Ketten

Leiden des Literaturübersetzers ergeben sich aus dem eigenartigen Charakter des Metiers

Von Wuneng Yang

Wuneng Yang (rechts) im Gespräch mit dem Ex-Präsidenten der Internationalen Goethe-Gesellschaft, Keller, anlässlich des Goethe-Übersetzungssymposiums 1999 in Erfurt.
Wuneng Yang (rechts)
Als Übersetzer der deutschen Literatur in China habe ich sowohl das Ehrgefühl eines Kulturvermittlers entwickelt als auch die Leiden eines „Kettentänzers“ kennen gelernt. Der Beitrag des Literaturübersetzers zum Kulturaustausch und zur Völkerverständigung ist allgemein anerkannt. Deshalb soll in diesem Beitrag eher auf den "Kettentänzer" und dessen eigenartige Kunst sowie die damit verbundenen Leiden eingegangen werden.

Wie die meisten chinesischen Übersetzer der deutschen Literatur habe auch ich Germanistik studiert. Zwar wurde mein Studienfach damals, in der Mitte der 50er Jahre des vorigen Jahrhunderts, nicht ganz freiwillig gewählt. Aber ich lernte die Disziplin an der alten Nanking-Universität mit reicher Tradition schnell lieben. Noch im dritten Studienjahr begann ich, deutsche Werke wie beispielsweise Fabeln von G. E. Lessing, Novellen von H. Mann, Th. Storm und K. F. Meyer zu übertragen und zu veröffentlichen. Ich tat es in erster Linie, um mit dem schwer verdienten Honorar meinen in Armut und Not lebenden Eltern und Geschwistern zu helfen. Daneben ermöglichte ich mir die geplante Schriftsteller-Laufbahn.

1962 schloss ich das Studium ab und wurde Deutschlehrer. Zu diesem Zeitpunkt hätte ich mit meiner Übersetzertätigkeit freilich noch nicht geendet, wäre nicht die kulturfeindliche „Kulturrevolution“ des Jahres 1966 ausgebrochen. Diese Pest wütete in China zehn Jahre. Nach dieser Dekade nahm ich meine Feder wieder auf, auch aus dem Grund, die verlorene Zeit zurückzugewinnen. Jetzt tat ich es aber bereits in dem Bewusstsein eines Kulturmittlers. Denn ich erfuhr unter anderem auch von Goethe, "dass der Übersetzer nicht nur für seine Nation allein arbeitet, sondern auch für die, aus deren Sprache er das Werk herüber genommen". So habe ich in der Vermittlung der deutschen Literatur und Kultur meinen Beruf – oder besser gesagt – meine Berufung gefunden. Seit mehr als 20 Jahren habe ich mich nun auf die Forschung und die Vermittlung der neueren deutschen Literatur insbesondere Goethe konzentriert. Ich saß nach Erfüllung meiner Lehrpflicht Tag für Tag am Schreibtisch und vor dem Computer, übersetzte Werke von Goethe, Lessing, Schiller, Heine, Hoffmann, Kleist, Storm wie auch Rilke, Thomas Mann und Hesse nacheinander ins Chinesische.

Nicht immer nur Goethe: Für seine Übersetzungen vom Klassiker bis zum Kinderbuch erhielt Wuneng Yang das Bundesverdienstkreuz.
Übersetzungen von Wuneng Yang
Die Leiden des Literaturübersetzers, die ich andeutete, ergeben sich meinen Erfahrungen nach vor allem aus dem eigenartigen Charakter des Metiers. Denn das literarische Übersetzen ist kein Handwerk, keine einfache Inhaltswiedergabe des Originaltextes, es bedeutet auch keinesfalls allein, "den Transfer von Wörtern aus einer Sprache in die andere". Es stellt vielmehr eine geistige, schöpferische Arbeit, einen komplexen interkulturellen Transfer dar und ist im Grund genommen auch eine literarischkünstlerische Schöpfung. Das literarische Übersetzen soll nämlich alle Werte des Originals – inhaltliche wie informative, emotionelle wie geistige, stilistische wie ästhetische – mit der Zielsprache möglichst adäquat wiederherstellen. Es ist dem Wesen nach eine Kunst der Wiederschöpfung, nichts als Wiederschöpfung. Die Eigenart des literarischen Übersetzens als Kunst liegt eben in dem Wörtchen "Wieder".

Eben dieses "Wieder" legt den Übersetzer in Ketten, macht ihn von Anfang an abhängig – abhängig von dem Original der Ausgangssprache und dessen Autor. Diese Ketten oder, sagen wir Grenzen, sind dem Metier des Übersetzens so gut wie angeboren. Ein noch so großer Übersetzer darf das Original keinesfalls ignorieren, sondern muss ihm vorbehaltlos treu sein – treu nicht nur inhaltlich und dem Ideen- und Gefühlsgehalt nach, sondern auch formal, stilistisch wie der ästhetischen Funktion gemäß. Er hat seine Tanzkunst nur mit den Ketten, nur in den von dem Original gegebenen Grenzen zu präsentieren, und in diesem Sinne ist der Literaturübersetzer wirklich ein „Kettentänzer“.

Bild der Leiden des Übersetzers: die Glieder des "Kettentänzers".
Kettentänzer
Den „Tanz in Ketten“ tadellos und anmutig zu tanzen ist schwierig und mühselig – einem Laien unvorstellbar schwer. Diese anspruchsvolle Kunst ist einem Eiertanz vergleichbar, der von dem geheimnisvollen Mignon in Goethes großem Roman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ nur einmalig getanzt wurde. Um diese Kunst zu meistern, muss man zeitlebens lernen und üben und forschen. Nur so kann man mit Feingefühl in der strengen Begrenzung frei und anmutig tanzen. Der Literaturübersetzer muss deshalb gleichzeitig Literaturwissenschaftler wie Schriftsteller sein. Ja, auch Schriftsteller, denn die literarische Übersetzung muss selbst Literatur sein. Der Literaturübersetzer ist sozusagen ein Schriftwiederhersteller.

Für einen chinesischen Literaturübersetzer in China gab und gibt es selbstverständlich auch noch andere Grenzen oder Ketten. Es gibt Ketten kulturpolitischer Art von gestern und marktwirtschaftlicher Struktur von heute. Als Übersetzer der deutschen Literatur habe ich also viel Mühsal und Leiden gehabt und ertragen. Gleichwohl gab es auch Freude und Ruhm. Goethe sagte: "In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister." Ich habe Jahrzehnte lang selbstbewusst und gut getanzt, so dass meine Übersetzungen von Millionen Lesern warm aufgenommen wurden, so dass ich heute als einer der besten "Kettentanz"-Meister in China anerkannt bin.

Nicht nur das, auch durch meine Arbeit ist der Traum meiner Vorgänger seit einem Jahrhundert endlich erfüllt worden: Dem Goethe-Jubiläum 1999 zu Ehren wurden nämlich die ersten zwei mehrbändigen Goethe-Ausgaben in chinesischer Übersetzung publiziert. Die erste mit 14 Bänden habe ich unter Mitwirkung von mehr als einem Dutzend Germanisten herausgegeben, während die zweite Ausgabe mit vier Bänden von mir allein ausgewählt, übersetzt und interpretiert wurde. Die erste Sammlung hat einen chinesischen Staatspreis bekommen, die zweite einen Preis meiner Provinz. Auch in meiner geistigen Heimat Deutschland wurde meine Tanzkunst und Leistung hochgeschätzt. Dass mir Bundespräsident Johannes Rau das Bundesverdienstkreuz dafür verliehen hat, bedeutet mir nicht nur eine große Auszeichnung, sondern auch einen kräftigen Ansporn.

Zum Schluss beschreibt noch ein Goethe-Wort die berufliche Leitlinie: "Was man auch von der Unzulänglichkeit des Übersetzens sagen mag, so ist und bleibt es doch eines der wichtigsten und würdigsten Geschäfte in dem allgemeinen Weltverkehr." Dieser Goethe-Spruch, der in der Ära der Globalisierung und "des allgemeinen Weltverkehrs" immer an Aktualität und Wichtigkeit gewinnt, ist Lob und Ansporn für alle "Kettentänzer".

06.02.2002
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Professor Wuneng Yang
Fachgebiet: Germanistik, Komparatistik
Förderprogramm: Humboldt-Forschungspreis 2001; Humboldt-Forschungsstipendium
Gastuniversität: Universität Heidelberg, Sinologisches Seminar; Universität Bonn, Seminar für Orientalische Sprachen
Heimatuniversität: Sichuan University, European Studies Center, Chengdu/China

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