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Jubiläum: Eine unter vielen ...

... und doch etwas ganz Besonderes

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Von Christian Jansen

Nehmen wir einmal an, die Alexander von Humboldt-Stiftung (AvH) wäre keine Institution, sondern eine Person des öffentlichen Lebens. Dann würde sie wohl anlässlich ihres 50. Geburtstags ihre wichtigsten Mitstreiterinnen zu einem festlichen Essen einladen. Dabei käme eine illustre Runde zusammen, nicht nur weil die Alexander von Humboldt-Stiftung in den 50 Jahren ihres Bestehens in zwei verschiedenen Bereichen tätig gewesen ist - einerseits in der Forschungsförderung und andererseits in der auswärtigen Kulturpolitik.

Wer wäre da wohl eingeladen? Vor unserem inneren Auge sehen wir zehn Gäste. Sie haben schon oft heftig miteinander gerungen, sich letztlich aber zusammengerauft - diesen Eindruck erweckt jedenfalls die lebhafte Runde um den festlich gedeckten Tisch. Gerungen und gerauft haben sie in den vergangenen Jahrzehnten vor allem um die immer zu knappen Gelder, aber auch um die Claims in der Forschungsförderung und auswärtigen Kulturpolitik abzugrenzen. Immer wieder haben sie aber auch an einem Strang gezogen, um Öffentlichkeit und Politiker von der Bedeutung ihrer Tätigkeit zu überzeugen. Was dem Beobachter des festlichen Essens als Erstes auffiele, wäre die Altershomogenität der geladenen Gäste: sie gehören alle einer Generation an, wurden alle zwischen 1948 und 1961, also in den langen 1950er Jahren geboren. Zu jung, um noch wirklich zu den wilden '68ern zu gehören, sind sie in den besten Jahren, auf dem Zenit von Macht und Einfluss, ein Teil dessen, was der Soziologe Heinz Bude neuerdings die "Generation Berlin" nennt: diejenigen Ende vierzig/Anfang fünfzig, die das Geschehen in der Republik bestimmen.

Da sitzen die 1948 gegründete Max-Planck- Gesellschaft, die sich der Grundlagenforschung verschrieben hat, und die beiden 1949 entstandenen Förderungsinstitutionen der deutschen Wirtschaft: der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft und die Carl-Duisberg- Gesellschaft, die sich wie die Alexander von Humboldt-Stiftung den internationalen Erfahrungsaustausch zur Aufgabe gemacht haben. Daneben sitzt der 1950 wiedererstandene Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) - der wohl engste Mitstreiter der AvH, der sich nach zähem Ringen auf den Studierendenaustausch beschränken muss, während die Humboldt-Stiftung sich weiter den gestandenen Wissenschaftlern widmet. In der Ecke sitzen die beiden Sprösslinge des Jahres 1951: die Größte und Finanzkräftigste von allen - die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - und neben ihr das Goethe-Institut, das sich der Verbreitung der deutschen Sprache in aller Welt widmet. Seit vorletztem Jahr ist sie aufs Engste verbandelt mit einem Altersgenossen, mit Inter Nationes - einer Institution, die seit 1952 schriftliche Informationen und Medien von und nach Deutschland vermittelt und insbesondere Übersetzungen fördert und die 2001 mit dem Goethe-Institut fusioniert wurde.

Ebenso alt wie Inter Nationes ist das Fulbright-Programm, ein deutsch-US-amerikanischer Wissenschaftleraustausch, ein Jahr jünger die Gastgeberin, die Alexander von Humboldt-Stiftung. Schließlich erkennen wir noch zwei jüngere, aber finanziell sehr potente, aus dem Vermögen gewichtiger Unternehmen beziehungsweise Unternehmerfamilien gespeiste Forschungsförderinstitutionen - die 1959 aus der Taufe gehobene Thyssen Stiftung und die 1961 nach langwierigen Verhandlungen zwischen dem Bund und dem Land Niedersachsen zustande gekommene VolkswagenStiftung.

Innerhalb der Runde der wichtigsten Einrichtungen der deutschen Forschungsförderung und auswärtigen Kulturpolitik, die wir vor unserem geistigen Auge zum festlichen Diner versammelt haben, lassen sich - um noch einen Moment bei der Personalisierung zu bleiben - in biographischer Hinsicht zwei Kategorien bilden: Auf der einen Seite diejenigen, die bereits eine bewegte Familiengeschichte hatten - allen voran die bereits 1860 zum ersten Mal gegründete Alexander von Humboldt-Stiftung, dann die 1911 als Kaiser- Wilhelm-Gesellschaft ins Leben gerufene Max- Planck-Gesellschaft, aber auch Studienstiftung, DFG, DAAD und Stifterverband, die in den 1920er Jahren meist noch unter anderen Namen entstanden. Und andererseits die echten Sprösslinge der Bundesrepublik oder genauer der Wirtschaftswunderzeit: Carl-Duisberg- Gesellschaft, Goethe-Institut Inter Nationes, Fulbright-Kommission, Thyssen Stiftung und VolkswagenStiftung.

Welche historischen Gründe gibt es nun für den auffälligen Befund, dass eine Reihe der bedeutendsten Institutionen der deutschen Forschungsförderung und auswärtigen Kulturpolitik etwa gleich alt sind, was der aufmerksame Leser der Feuilletons und der Rezensionsteile der Qualitätspresse auch an der Häufung der Festakte und Festschriften dieser Institutionen in den letzten Jahre ablesen kann? Das Jahrzehnt, in dem die genannten Stiftungen und halbstaatlichen Einrichtungen aus der Taufe gehoben beziehungsweise wiedergegründet wurden, ist das Jahrzehnt, in dem die Bundesrepublik Deutschland gegründet wurde und einen beispiellosen wirtschaftlichen Boom erlebte. Es war die Zeit des erfolgreichen Aufbaus einer funktionierenden Ökonomie und demokratischer politischer Institutionen, die Zeit der Entstehung von sozialer Marktwirtschaft, Kanzlerdemokratie, Westintegration und Systemkonkurrenz im Zeichen des Kalten Krieges. Die junge Bundesrepublik begann seit der Schaffung des Auswärtigen Amtes im März 1951, einen zunehmend eigenständigen außenpolitischen Kurs zu verfolgen, zu dessen Spezifika die hohe Bedeutung gehörte, die der auswärtigen Kulturpolitik beigemessen wurde. Sie wurde peu à peu aus der Kuratel der Sieger von 1945 entlassen: beginnend mit dem Deutschlandvertrag (1952) über die Aufnahme in die Westeuropäische Union (WEU, 1954), den Pariser Verträgen mit dem Beitritt zur NATO (1955) und der Wiederbewaffnung bis hin zur Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) mit den Römischen Verträgen von 1957. Es war eine Zeit des Konsums, bald auch eines verbreiteten Wohlstands und eines zunehmend selbstbewussten "Wir sind wieder wer". Aber es war zugleich eine Zeit der politischen Verdrängung und des mindestens unterschwellig schlechten Gewissens.

Die auffällige Häufung der Neu- und Wiedergründungen von Institutionen, die die Forschung und den internationalen Austausch fördern sollten, spiegelt von allen genannten Tendenzen der langen fünfziger Jahre etwas wider. Die Alexander von Humboldt-Stiftung und ihre Schwestern waren in erster Linie Ausdruck des neuen Selbstbewusstseins der westdeutschen Demokratie - neu in einem doppelten Sinn: einerseits als Zeichen wieder gewonnener ökonomischer und politischer Handlungsfähigkeit, andererseits als Zeichen eines Bekenntnisses zu westlichen Werten und zu deren Verbreitung in der Welt. Viele der genannten Neugründungen standen aber auch in Kontinuität zu Institutionen, die während des Dritten Reichs im Zuge der Gleichschaltung (meist leider einer vorauseilenden Selbstgleichschaltung) korrumpiert worden waren. Durch Neugründung und Neuformulierung des Stiftungszwecks wollte man das gewandelte politische Bewusstsein und den Willen zu einem Neuanfang ausdrücken. Personell und in den jeweiligen Arbeitsbereichen knüpfte man jedoch vielfach an die Vorgängerinnen an. Entscheidend für die Erfolgsgeschichte der genannten Institutionen war, dass sie mithalfen, demokratische Eliten für die entstehende Bundesrepublik auszubilden und sich damit ausdrücklich in den Dienst der Außen- und Kulturpolitik stellten.

Vor dem Hintergrund wiedergewonnener Souveränität, wachsender wirtschaftlicher Potenz und der Systemkonkurrenz im Zeichen des Kalten Krieges wurden in den fünfziger Jahren von staatlicher und privatwirtschaftlicher Seite gezielt Einrichtungen geschaffen, die den Wiedereintritt deutscher Wissenschaftler und deutscher Studierender in die internationale Gelehrtenrepublik ermöglichen sollten. Für die Rückkehr Deutschlands in die Staatengemeinschaft erschienen nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs und den beispiellosen Verbrechen der Deutschen die wissenschaftliche Tradition und das wissenschaftliche Potenzial des Landes zunächst als die einzige Ressource, mit der man dem Ausland selbstbewusst gegenübertreten könne, ohne erneut Ängste oder Ressentiments auszulösen.

25.06.2003
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Literatur:

Rüdiger vom Bruch/Brigitte Kaderas (Hg.): Wissenschaften und Wissenschaftspolitik. Bestandsaufnahme zu Formationen, Brüchen und Kontinuitäten im Deutschland des 20. Jahrhunderts. Stuttgart 2002.
VolkswagenStiftung (Hg.): Impulse geben - Wissen stiften. 40 Jahre VolkswagenStiftung. Göttingen 2002.
Rolf-Ulrich Kunze: Die Studienstiftung des deutschen Volkes seit 1925. Zur Geschichte der Hochbegabtenförderung in Deutschland. Berlin 2001.
Spuren in die Zukunft. Der Deutsche Akademische Austauschdienst 1925-2000. 3 Bände. Bonn 2000.
Winfried Schulze: Der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft 1920-1995. Berlin 1995.


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