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Zwischen Wissenschaftsförderung und auswärtiger Kulturpolitik

Eine Interpretation der Förderzahlen der Humboldt-Stiftung nach fünf Jahrzehnten

Einführung: 50 Jahre Alexander von Humboldt-Stiftung

Von Heike Jöns (1)

This article in English

Als am 10. Dezember 1953 die heutige Alexander von Humboldt-Stiftung gegründet wurde, entstand zum dritten Mal eine Fördereinrichtung, die sich in die Tradition des renommierten Naturforschers, Universalgelehrten und Südamerikaforschers einreihte. Ihm war die Förderung junger wissenschaftlicher Talente so wichtig, dass er aus seinem Privatvermögen vielversprechende Nachwuchsforscher finanzierte. Die erste Alexander von Humboldt-Stiftung wurde 1860, ein Jahr nach dem Tod ihres Namensgebers, gegründet und setzte sich zum Ziel, Forschungsreisen deutscher Wissenschaftler ins Ausland zu fördern. Nach dem Verlust ihres Kapitals in der Inflationszeit und der Einstellung ihrer Tätigkeit 1923 wurde sie 1925 neu errichtet mit dem Ziel, ausländische Wissenschaftler und Doktoranden bei einem Studium in Deutschland zu unterstützen. Diese Arbeit führte sie auch während der Zeit des Nationalsozialismus fort. Mit dem Zusammenbruch des Dritten Reiches 1945 stellte die Stiftung ihre Tätigkeit ein. (2)

Mittlerweile fördert die derzeitige Humboldt- Stiftung, die nach 50 Jahren auf ein weltweites Netzwerk von über 23.000 geförderten Humboldtianern blicken kann, Forschungsarbeiten ausländischer Wissenschaftler in Deutschland und deutscher Nachwuchswissenschaftler im Ausland. Politisch zu allen Zeiten neutral, sind die Förderzahlen der Alexander von Humboldt- Stiftung dennoch ein Spiegel der Zeitgeschichte und Weltpolitik. Denn die Menschen, denen sie mit ihren Förderprogrammen ermöglicht, vorübergehend im Ausland zu leben, um neue Anregungen für ihre Forschungen und nicht zuletzt für ihr Privatleben zu gewinnen, waren und sind geprägt von den Möglichkeiten und Restriktionen einer bestimmten Zeit und eines bestimmten Ortes.

Historische und politische Ereignisse der vergangenen 50 Jahre bilden den Hintergrund für die Bewegungen von Stipendiatinnen und Stipendiaten über Ländergrenzen hinweg. Bei aller gebotenen Vorsicht gegenüber der Herstellung kausaler Zusammenhänge wird in diesem Artikel der Versuch unternommen, die Deutschlandaufenthalte der Humboldt-Stipendiaten anhand der Förderzahlen historisch einzuordnen und zu verstehen. Die Rechtfertigung für dieses Unterfangen kommt auch aus dem Auftrag der Humboldt-Stiftung. Sie ist nicht nur eine Organisation der Wissenschaftsförderung, sondern nimmt auch eine Mittlerrolle in der auswärtigen Kulturpolitik ein. Dieses Spannungsfeld beschreibt die besondere Rolle der Humboldt-Stiftung in den vergangenen 50 Jahren und charakterisiert deren Tätigkeit auch heute noch.

Am Anfang war das Humboldt- Forschungsstipendium (3)

Mit der Ausschreibung des Stipendienprogramms im Dezember 1953 nahm die Alexander von Humboldt-Stiftung ihre Tätigkeit auf. Schon damals wurde mit diesem Programm der Kern der Stiftungstätigkeit festgelegt, der bis heute weitgehend unverändert fortbesteht und bis Anfang der 1970er Jahre das Stiftungsgeschäft im Wesentlichen ausmachte. Die Grundprinzipien des Programms waren und sind sehr einfach: Humboldt- Forschungsstipendien ermöglichen hoch qualifizierten, promovierten ausländischen Nachwuchswissenschaftlern (4) im Alter bis zu 40 Jahren, (5) ein selbstgewähltes Forschungsvorhaben an einer Forschungseinrichtung in der Bundesrepublik durchzuführen. In den ersten 50 Jahren gab es über 50.000 Bewerber. Von diesen wurden rund 23.000 aus mehr als 130 Ländern mit Humboldt-Stipendien in Deutschland gefördert. Damit handelt es sich um das zahlenmäßig bedeutendste Förderprogramm für langfristige Forschungsaufenthalte ausländischer Wissenschaftler an deutschen Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen.

Die Humboldt-Stiftung fördert Gastwissenschaftler aus fünf Kontinenten und praktiziert so eine besondere Form internationaler Kulturpolitik (Foto: PhotoDisc).
Das Humboldt-Forschungsstipendienprogramm, das in den Folgejahren um weitere Programme ergänzt wurde, zieht sich als roter Faden durch den vorliegenden Artikel, weil es sich in besonderer Weise als Seismograph für die Zeitgeschichte eignet. So existieren für Humboldt-Forschungsstipendien keine Länder- und Fächerquoten; religiöse, weltanschauliche, politische Einstellungen sowie ethnische Zugehörigkeit und Geschlecht sind für die Auswahl der Humboldt-Stipendiaten unerheblich. Humboldt-Stipendiaten müssen sich eigenständig bewerben, also im Vorfeld eine Entscheidung treffen, ob es für sie zu einer bestimmten Zeit und aus einem bestimmten Land kommend interessant ist, einen Forschungsaufenthalt in Deutschland zu verbringen. Die Antragsund Bewilligungszahlen im Humboldt-Stipendienprogramm geben somit Auskunft über das internationale wissenschaftliche Interesse an Deutschland. Die regionalen Förderzahlen der Humboldt-Stiftung erlauben Rückschlüsse auf bedeutende weltpolitische Ereignisse, sich wandelnde politische und wirtschaftliche Gegebenheiten in den Herkunftsländern (zum Beispiel Ausreisemöglichkeiten) und damit verbundene Veränderungen in den Beziehungen zur Bundesrepublik. Diese Zusammenhänge werden im Folgenden in den wichtigsten Entwicklungslinien nachgezeichnet und mit Bezug auf die Weiterentwicklung und Diversifizierung der Humboldt-Programme nach Dekaden interpretiert.

Lesen Sie in zwei Wochen den ersten Teil der Geschichte der Humboldt-Stiftung: Die 1950er Jahre - Integration in die westliche Staatengemeinschaft.

Fußnoten

1 Dieser Text steht in Zusammenhang mit mehrjährigen Forschungsarbeiten der Autorin am Geographischen Institut der Universität Heidelberg, die zurzeit in einem ergänzenden Projekt zur internationalen Wissenschaftlermobilität mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) fortgesetzt werden. Eine wichtige Grundlage dieser Arbeiten bilden anonymisierte Daten der Humboldt-Stiftung zu ihren Förderprogrammen. Professor Dr. Peter Meusburger danke ich für die wertvollen Ratschläge und die Bereitstellung sehr guter Arbeitsbedingungen in Heidelberg.
Mein besonderer Dank gilt Dr. Ulrike Albrecht und Dr. Barbara Sheldon für ihre Anregungen bei der Strukturierung und Auswahl der für die Jubiläumsschrift als relevant erachteten Ergebnisse sowie HD Dr. Christian Jansen für die Durchsicht des Manuskripts. Eine ausführlichere Version des Textes, der bei der abschließenden redaktionellen Bearbeitung durch die Humboldt-Stiftung gekürzt werden musste, wird an anderer Stelle veröffentlicht. Gleiches gilt für die Ergebnisse des DFG-Projekts, in dessen Rahmen jeweils rund zwanzig Prozent aller Humboldt-Stipendiaten und aller Humboldt-Gastgeber der vergangenen fünf Jahrzehnte postalisch befragt werden und eine größere Zahl von ihnen auch persönlich interviewt wird, um wissenschaftliche Erkenntnisse über die Entstehungszusammenhänge, Verläufe und Auswirkungen der Gastaufenthalte zu gewinnen. Zurück zum Text

2 Eine ausführliche Geschichte der Humboldt-Stiftung nach 1953 wird im Jahr 2004 erscheinen. Voraussichtlich dann wird auch eine Monographie über die Stiftungstätigkeit im Dritten Reich vorliegen. Zurück zum Text

3 Die folgenden Ausführungen beruhen im Wesentlichen auf Auswertungen der Datenbank der Humboldt-Stiftung, der Jahresberichte 1953/54 bis 2001 und der AvH-Berichte zu runden Tätigkeitszeiträumen. Einen Überblick zu relevanter Literatur gibt Jöns (2002b). Die historischen Details fußen im Wesentlichen auf der Deutschland-Chronik von Lehmann (1995) und der Nachkriegsgeschichte von Kielmansegg (2000). Einen Abriss der Wissenschaftsentwicklung in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg bietet Weingart (1998). Zurück zum Text

4 Aus Gründen der Lesbarkeit wird im Folgenden auf die Nennung der männlichen und weiblichen Schreibweise verzichtet. Die männliche Schreibweise schließt immer auch die weibliche ein. Zurück zum Text

5 Die ausgeschriebene Altersgrenze lag anfangs noch bei 30 Jahren. Seit 1973 gilt die Grenze von 40 Jahren. Die Promotion ist seit Anfang der 1970er Jahre Voraussetzung für eine erfolgreiche Bewerbung. Zurück zum Text

23.07.2003
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