Die Diplomatie des Wohltuns
Auch nach dem Verlust seines großen Vermögens blieb Humboldt der "geheime Kultusminister Europas"
Von Manfred Osten
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Alexander von Humboldt (Gemälde von Eduard Ender, fotografiert von Eva Bollert).
 | Gaius Maecenas, ein reicher römischer Ritter zur Zeit des Kaisers Augustus, konnte schwerlich ahnen, dass ihm erst nach mehr als eineinhalb tausend Jahren in Alexander von Humboldt ein wahrhaft würdiger Nachfolger erwachsen würde. Als Maecenas im Jahr acht vor Christus starb, war für ihn der Weg in die Unsterblichkeit gesichert. Hatte er doch ein Exempel der Selbstlosigkeit statuiert und mehreren Dichtern generös geholfen. Sein Name avancierte auf diese Weise zum Synonym der Diplomatie des Wohltuns.
Anders Alexander von Humboldt, der auf singuläre Weise diese Diplomatie des Wohltuns beherrschte und fast ein Jahrhundert lang vorbildlich praktizierte; seine Maecenas-Nachfolge ist der Nachwelt kaum noch bewusst. Über seinem Ruhm als wissenschaftlicher Entdecker Lateinamerikas und letzter Universalgelehrter Europas geriet in Vergessenheit, dass er mühelos nicht nur den Ehrentitel eines mäzenatischen Genies für sich in Anspruch nehmen kann. Er hat vielmehr Maecenas als Wohltäter weit übertroffen. Denn es sind Hunderte, die durch ihn direkt oder mittelbar Förderung und Hilfe erfuhren. Und es sind die Begünstigten keineswegs nur Dichter. Humboldt als Universalgelehrter verfährt auch hier universal und behält sie alle im Blick, die bedürftig sind: Künstler, Architekten, Mathematiker, Physiker, Chemiker, Pharmazeuten, Entdeckungs- und Forschungsreisende, Komponisten, um nur einige zu nennen.
Humboldt hat viel Geld in die Förderung der Wissenschaft investiert. Bei der "Grande Edition" seiner "amerikanischen Reise" handelt es sich um die teuerste wissenschaftliche Publikation, die je von einem Autor aus eigener Tasche finanziert wurde. Eine der wenigen vollständigen Ausgaben dieses Werks befindet sich in der "Fundación Miguel Lillo", San Miguel de Tucumán, Argentinien (Foto: Arne Willner).
 | Vor allem aber sind es immer wieder junge Talente, denen er Türen und Tore öffnet. In einigen Fällen sind es Türen und Tore zum Ruhm wie etwa im Falle von Carl Friedrich Gauß und Justus von Liebig. Oder der mittellose französische Mediziner und Botaniker Aimé Bonpland, der Humboldt dann begleitet in die Tropen Amerikas und dem er später eine lebenslängliche staatliche Pension verschaffen wird. Oder der junge Mendelssohn-Bartholdy, den er 1824 beauftragt, für ihn eine Kantate zu komponieren, aufgeführt zu Ehren der Gesellschaft der Ärzte und Naturforscher, die unter dem Vorsitz Humboldts in Berlin tagt. Es ist die zu Unrecht in Vergessenheit geratene "Humboldt-Kantate", die nun 2003 - zum 50. Jubiläum der Alexander von Humboldt- Stiftung - in Berlin ihre hörbare Auferstehung feiern soll.
Es ist ein Mäzenatentum, das länder- und fächerübergreifend verfährt; es ist kosmopolitisch und zugleich gespeist vom Gedanken der "fraternité", den Humboldt 1791 in Paris feiert. Damals, als die Ideen der Französischen Revolution noch nicht korrumpiert waren. Und es ist ein Mäzenatentum, das sich früh übt: Schon 1793 gleich nach Dienstantritt als Oberbergmeister im fränkischen Fichtelgebirge, wo Humboldt - ohne den leitenden Minister zu fragen - kurzerhand und auf eigene Kosten eine Freie Bergschule gründet, um diese einfache "tätige Menschenklasse" zu fördern. Und sie verlässt ihn auch nicht im Alter, die Tugend der Wohltätigkeit. Selbst "arm wie eine Kirchenmaus" nach dem Verlust seines großen Vermögens, bleibt er der "geheime Kultusminister Europas", indem er sogar Schulden nicht scheut, um anderen zu helfen.
Der Vulkan Chimborazo in Ecuador (Druck von Alexander von Humboldt, fotografiert von Arne Willner).
 | Zu den großen, bleibenden Resultaten dieser Diplomatie des Wohltuns aber zählen vor allem die hierdurch gestifteten und geförderten Netzwerke des Wissens und des grenzüberschreitenden wissenschaftlichen Dialogs. Die Alexander von Humboldt-Stiftung versteht sich seit ihrer Gründung 1860 und erst recht nach ihrer Wiedergründung als Sachwalter und Bewahrer dieser mäzenatischen Tradition ihres Namenspatrons, weil sie davon überzeugt ist, dass diese große Humboldt'sche Tugend des Förderns junger wissenschaftlicher Talente zur Nachahmung auffordert. So erscheint denn auch die Hoffnung nicht unbegründet, dass das 50-jährige Jubiläum der Stiftung zum Stiften anregen könnte, als eine Gelegenheit zu geben im Geiste jener Worte, die Du Bois-Reymond am 26. Juni 1849 aus Berlin seinem Kollegen Ludwig briefweise mitteilte: "Jeder strebsame Gelehrte ... ist Humboldts Sohn, wir alle sind seine Familie".
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