Die 1970er Jahre
Hochschulexpansion und Bewerberboom
Von Heike Jöns
This article in English
Die Protestparole "Unter den Talaren - Muff von tausend Jahren", 1967 von Hamburger Studenten geprägt, stand am Beginn einer umfassenden Reform des Bildungs- und Wissenschaftssystems, welche die 1970er Jahre prägte. Die Reform war mit der Gründung des Deutschen Bildungsrats 1965 in Gang gekommen und führte, ähnlich wie in anderen Industrienationen, zu einer beispiellosen Expansion des tertiären Bildungssystems. Steigende Abiturienten- und Studierendenquoten und der Versuch eines Beitrags zur Chancengleichheit im Bildungswesen durch das Bundesausbildungsförderungsgesetz (BAföG, 1971) boten die Grundlage für zahlreiche Universitätsneugründungen und eine Welle von Neuberufungen an bestehende Universitäten.
Diese gewaltige Kapazitätserweiterung bedeutete neue Potenziale für internationale Wissenschaftsbeziehungen, die sich im Stipendienprogramm in einer weiteren Steigerung der Zahl der jährlichen Bewerbungen spiegelten. Gleichzeitig wurde die Richtzahl der jährlich zu vergebenden Stipendien sukzessive von 300 (ab 1962) über 440 (ab 1973) auf die Orientierungsmarke von maximal 500 (ab 1980) Stipendien pro Jahr erhöht. Letztere gilt trotz gelegentlicher Abweichungen nach oben (zum Beispiel nach der deutschen Einheit 1991 - 1992) auch noch am Beginn des 21. Jahrhunderts.
Verschiebung fachlicher Schwerpunkte
Das steigende Interesse an einem Forschungsaufenthalt in Deutschland kam vor allem aus den Natur- und Ingenieurwissenschaften. Zwischen der ersten und der dritten Förderdekade hatte sich die Stipendienzahl insgesamt nahezu verdreifacht. In den Naturwissenschaften war sie jedoch fast um das Vierfache, in den Ingenieurwissenschaften sogar knapp um das Fünffache gestiegen. Dafür verantwortlich zeichneten vor allem die wachsende wirtschaftliche Bedeutung und der gezielte Ausbau natur- und ingenieurwissenschaftlicher Forschung an den Hochschulen in Deutschland, an Max-Planck-Instituten und an staatlich geförderten Großforschungseinrichtungen. Die meisten Stipendiaten wiesen in der dritten Förderdekade die Fächer Biowissenschaften, Chemie und Physik auf. Erstere lösten in der dritten Förderdekade das Fach Medizin als die am häufigsten vertretene Disziplin in den ersten beiden Förderdekaden ab.
Humboldt-Stipendiaten nach Herkunftsländern, 1974 bis 1983. Klicken Sie hier für ein größeres Bild (Graphics: Jöns).
 | Unter den Geisteswissenschaften traten die Geschichtswissenschaften mit viermal höheren Förderzahlen als in der ersten Dekade hervor. Das steigende Interesse an einer Auseinandersetzung mit der jüngeren Geschichte der Bundesrepublik und die zunehmende Erschließung von Archiven hatte zu einem Forschungsboom in den Geschichtswissenschaften im Inund Ausland geführt. In allen Geisteswissenschaften zusammen hatten sich die Förderzahlen aber kaum verdoppelt, so dass deren Anteil an allen Stipendiaten rückläufig war. Das Steigerungspotenzial der Bewerbungen ist in diesem Fächerkomplex besonders gering, weil deutsche Sprachkenntnisse in den meisten geisteswissenschaftlichen Forschungsprojekten eine zentrale Rolle spielen und das Potenzial an ausländischen Wissenschaftlern mit Deutschkenntnissen begrenzt, aus historischen Gründen sogar rückläufig ist.
Neue Ostpolitik
Außenpolitisch war der Beginn der 1970er Jahre von der neuen Deutschland- und Ostpolitik gekennzeichnet, die in Vertragsabschlüssen mit der Sowjetunion, Polen und der DDR einen vorläufigen Höhepunkt erreichte und die Voraussetzung für eine tiefgreifende Entspannung der Beziehungen zu den Staaten Ostmitteleuropas schuf. Die damit verbundene Aufnahme diplomatischer Beziehungen ging in Polen nach 1972 mit einem regelrechten Bewerberboom einher, der 1985 seinen Höhepunkt erreichte. Aus politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Gründen war Deutschland für polnische Wissenschaftler bis zum Fall des Eisernen Vorhangs ein zentraler Bezugspunkt internationaler wissenschaftlicher Kooperation außerhalb des Ostblocks. Die meisten Bewerbungen kamen in der dritten Förderdekade (1974 - 1983) aus Indien (18 Prozent), gefolgt von den USA (10 Prozent), Japan (10 Prozent), Polen (9 Prozent), China (4 Prozent) und Ägypten (4 Prozent).
Mit China hatte die Bundesrepublik 1972 diplomatische Beziehungen aufgenommen. Die Wissenschaftlermobilität im Rahmen des Stipendienprogramms setzte jedoch erst 1979 ein, in der Zeit einer ökonomischen Liberalisierung und außenwirtschaftlichen Öffnung nach dem Tod Mao Zedongs. Ägypten verzeichnete in den späten 1960er und den 1970er Jahren besonders hohe Bewerber- und Stipendienzahlen, obgleich die diplomatischen Beziehungen zu Bonn zwischen 1965 und 1972 wegen der Aufnahme deutscher diplomatischer Beziehungen zu Israel (1965) unterbrochen waren. Aus Israel kamen seit 1958 zunächst nur vereinzelte Stipendiaten. Erst in den 1970er Jahren stieg das Land zu dem bisher am häufigsten im Stipendienprogramm vertretenen Land Vorderasiens auf, gefolgt vom Iran. Deutlichstes Anzeichen für eine umfassende Reintegration Deutschlands in die internationale Wissenschaftsgemeinschaft der 1970er Jahre ist das Interesse aus den USA als dem weltweit dominierenden Wissenschaftszentrum der Nachkriegszeit. Absolut wie relativ erreichten die Bewerberund Stipendienzahlen aus den USA in der dritten Förderdekade ihren Höchststand. Nicht zuletzt die günstige Stellensituation im expandierenden US-Hochschulsystem förderte das Interesse von Post-Docs und jungen Professoren an einem zeitlich befristeten Auslandsaufenthalt, da bei ihrer Rückkehr aus dem Ausland genügend freie Stellen zur Verfügung standen. Aus ähnlichen Gründen erreichten die Bewerber- und Förderzahlen für Großbritannien in der dritten Förderdekade ihr bisheriges relatives und absolutes Maximum.
Einbindung von ausländischer Exzellenz und deutschem Nachwuchs
Mit der Vergabe von Humboldt-Forschungspreisen, die 1972 begann, konnte nach den hohen Investitionen in Wissenschaft und Forschung auch die internationale wissenschaftliche Exzellenz in stärkerem Maße nach Deutschland geholt werden. Humboldt-Forschungspreise richten sich an international anerkannte Wissenschaftler, die sich in einem fortgeschritteneren Karrierestadium als Humboldt- Forschungsstipendiaten befinden. Die Preise werden ausschließlich auf Vorschlag von Wissenschaftlern aus Deutschland vergeben. Historisch besitzt das Programm eine besondere Bedeutung für die Beziehungen zu den USA, weil es als Teil einer Danksagung für die Marshallplanhilfe aus Anlass des 25. Jahrestags ihrer Bekanntmachung eingerichtet wurde. Es bezog sich zehn Jahre lang auf international renommierte US-amerikanische Natur- und Ingenieurwissenschaftler und setzte damit in den Zeiten der Neuen Ostpolitik ein wichtiges Zeichen der Loyalität gegenüber den USA. Darüber hinaus ermöglichten die Humboldt-Preise US-Wissenschaftlern, die Mitteleuropa im Dritten Reich verlassen mussten oder Kinder von Emigranten waren, einen längeren Deutschlandaufenthalt, der bei vielen zur positiven Veränderung ihres Deutschlandbildes und zur Verarbeitung ihrer Erlebnisse beziehungsweise denen ihrer Eltern beitrug.
Um dem großen Bedarf an Aufenthalten deutscher Post-Docs im Ausland entgegenzukommen, war 1979 auf Anregung ehemaliger Humboldt- Gastwissenschaftler das Feodor Lynen- Programm ins Leben gerufen worden. Dieses ermöglicht hoch qualifizierten deutschen Post-Docs im Alter bis zu 38 Jahren, ein bis maximal vier Forschungsjahre bei Humboldt- Stipendiaten oder -Preisträgern im Ausland zu forschen. Bis 2002 nahmen rund 2.500 Post- Docs diese Gelegenheit in mehr als 60 verschiedenen Ländern der Welt wahr.
|