Vergleich von Rechtssystemen
Sich erinnern oder nach vorne schauen, Vergebung oder gerechte Empörung - Fragen, die an vielen Orten der Welt aktuell sind
Von Peggy Kuo
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Peggy Kuo.
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"Aber warum sollten Sie nach Deutschland gehen wollen?" Diese Frage hörte ich ständig, nachdem ich den Entschluss gefasst hatte, meine Laufbahn als Bundesstaatsanwältin in Washington D.C. zu unterbrechen und für ein Jahr als Bundeskanzler-Stipendiatin nach Deutschland zu fahren. Viele meiner amerikanischen Bekannten hatten eine vorgefasste Meinung von Deutschland, die sie ungern in Frage stellen wollten. Einige stammten aus Familien, die während der Nazizeit zerstört worden waren, und sie konnten nicht verzeihen. Andere kannten Deutsche bloß durch Hollywood- Filme. Ich selber wusste nicht viel mehr als sie - außer dass die Berliner Mauer gefallen war, die Wiedervereinigung gerade stattgefunden hatte und Deutschland dabei war, sich mächtig zu verändern.
Mein Vorhaben war der Vergleich des amerikanischen und deutschen Strafrechtssystems, speziell die juristische Antwort auf rassistisch begründete Gewalt. Ich beobachtete Prozesse, unterhielt mich mit Staatsanwälten und Richtern und besuchte das Moabiter Gefängnis, wo ich gehört hatte, wie Gefangene aus ihren Fenstern zu ihren unten auf der Straße stehenden Familienmitgliedern hinunterbrüllten. Ich stellte fest, dass die Berliner Gerichtssäle nicht wesentlich anders als die amerikanischen waren - vollgestopft mit Armen und Verzweifelten. Im Wartebereich auf dem Flur stand eine in einen Aschenbecher verwandelte dänische Butterkeksdose, die bereits am Ende der Vormittagssitzung überquoll. Unter ihren schwarzen Talaren trugen die Richter und Anwälte häufig Jeans. In Polizeiberichten verließen die deutschen Angeklagten ebenfalls "ihre Fahrzeuge", anstatt einfach aus dem Auto auszusteigen, genauso wie in den USA.
Meine Freizeit verbrachte ich hauptsächlich damit, die Flohmärkte aufzusuchen, die (in kürzester Zeit) auf den riesigen freien Plätzen zwischen Abriss und Neubau entstanden waren. Ich schaute mir absurdes Theater in der Volksbühne an, besuchte Veranstaltungen, in denen Christo ein skeptisches Publikum vom Wert der Reichstagsverhüllung zu überzeugen versuchte, und verschlang auch eine ungesunde Menge Würstchen und Döner. An diesem Punkt meines Lebens - gerade auf der Kippe zu 30 - hätte ich keinen besseren Platz als Berlin finden können: ebenfalls auf der Schwelle zu einer gewaltigen Veränderung, begierig voranzukommen, doch unsicher, was mitzunehmen und was zurückzulassen sei.
Die sieben Monate, die ich in meinem Einzimmer-Appartement im ehemaligen Ostberlin verbrachte - sechs Stockwerke über dem Straßenverkehr, mit abblätternder Tapete, Rattanmöbeln und einem Schwarzweißfernseher, der mit regelmäßigen Schlägen daran gehindert werden musste, ständig lauter zu werden - gehören zu den glücklichsten meines Lebens. Als ich in die USA zurückkehrte, fiel es mir schwer, mich in mein altes Leben wieder einzufinden. Ein ganzes Jahr lang, nachdem ich Berlin verlassen hatte, ertappte ich mich dabei, mir gelegentlich im Kalender zu notieren, dass ich auf dem Ku'damm einkaufen wollte. Vielleicht war es unvermeidlich, dass ich wieder in Europa landen würde. Im Jahre 1998 kam ich in die Niederlande, um bei der Verfolgung von Kriegsverbrechen, die im ehemaligen Jugoslawien begangen worden waren, mitzuarbeiten. Die Fragen, mit denen ich mich im Rahmen meiner Arbeit in Den Haag beschäftige, erinnern an die, über die ich in Berlin nachgedacht hatte: sich erinnern und nach vorne schauen, Vergebung und gerechte Empörung, ethnischer Konflikt und Gerechtigkeit. Meine Kenntnisse des deutschen Rechtssystems wurden plötzlich zu einem wertvollen Instrument im Umgang mit Kollegen. Zusammen mit meiner Erfahrung im amerikanischen System haben sie es mir auch ermöglicht, einen Beitrag zum Bemühen des Tribunals zu leisten, die weltweit führenden Rechtssysteme in eine machbare internationale Praxis zu vereinen und umzuwandeln.
Als ich in Deutschland war, warnte mich ein Bekannter: "Sieh Dich vor. Du wirst eine Weltbürgerin." Ich habe versucht, das Ortsspezifische, das Leuten ihren Platz im Alltagsleben sichert, nicht zu verlieren und auch nicht zu vergessen, woher ich stamme. Aber dank der Humboldt-Stiftung entdeckte ich das Tor zu Europa und zur Welt.
Happy Birthday, Onkel Alex!
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