Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs
Professor Reimar Lüst - Präsident der Humboldt-Stiftung von 1989 bis 1999 - über die Jahre nach der politischen Wende in Osteuropa
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Reimar Lüst (Foto: Humboldt-Stiftung).
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Kosmos: Herr Professor Lüst, Sie waren von 1989 bis 1999 Präsident der Alexander von Humboldt-Stiftung. Welche Ereignisse haben aus Ihrer Sicht die Stiftung in dieser Zeit besonders geprägt?
Reimar Lüst: Das war die Wende in Ost- und Mitteleuropa sowie der Fall der Mauer mit der Wiedervereinigung. Diese Ereignisse hatten auch für die Alexander von Humboldt- Stiftung kräftige Auswirkungen.
Kosmos: Können Sie noch genauer skizzieren, was sich infolge der Maueröffnung konkret für die Humboldt-Stiftung verändert hat?
Lüst: Es gab eine Reihe von wichtigen Veränderungen. Erstens: Bis zur Wende konnte sich praktisch niemand aus der Sowjetunion für ein Humboldt-Stipendium bewerben. Danach stiegen die Bewerbungen aus der ehemaligen Sowjetunion rapide an. Weil die meisten sehr qualifiziert waren, lagen die Stipendiaten der Sowjetunion bald zahlenmäßig an der Spitze. Zweitens: Während die Verbindungen der AvH zu Polen und Ungarn schon vor der Wende kaum Probleme bereiteten, war es danach sehr viel leichter, die Verbindungen mit den Humboldtianern zum Beispiel in Tschechien und Rumänien aufzunehmen. Drittens: Humboldtianer haben wichtige Aufgaben beim Aufbau der demokratischen Staaten in Ost- und Mitteleuropa übernommen. So waren der polnische und der rumänische Außenminister Humboldtianer und ebenso der Präsident des Ungarischen Staatsgerichtshofs, um ein paar Beispiele zu nennen. Viertens: Um den jungen Wissenschaftlern aus Ostdeutschland zu helfen, rasch den wissenschaftlichen Anschluss zu finden, wurden so genannte Integrationsstipendien vergeben. Mit diesen konnte ein Wissenschaftler aus einer ostdeutschen Universität für ein halbes Jahr an einem Institut in Westdeutschland arbeiten.
Kosmos: Es wird oft betont, dass die Idee der "Humboldt-Familie", heute eher mit "Humboldt-Netzwerk" umschrieben, mehr ist als eine leere Formel.
Lüst: Ich spreche lieber von der "Humboldt- Familie", weil es doch ein sehr starkes Zusammengehörigkeitsgefühl der Humboldtianer untereinander und auch mit ihren Gastgebern in Deutschland gibt. Dass die "Humboldt- Familie" Wirklichkeit ist, wurde mir bei jedem Auslandsbesuch verdeutlicht. Überall wurde ich bei meiner Ankunft am Flughafen von mindestens einem Humboldtianer empfangen. In besonderer Erinnerung ist mir ein Besuch in Ungarn. Anlässlich einer nachträglichen Geburtstagsfeier für Professor Frühwald (damals Vizepräsident der AvH) gab ich am 2. Oktober 1995 ein Abendessen in der Stiftung, an dem auch der damalige Außenminister Klaus Kinkel teilnahm. Kurz vor Ende des Zusammenseins, 22:00 Uhr war schon vorbei, sagte er mir, dass er Morgen um 9:00 Uhr nach Budapest flöge, um der ungarischen Regierung für die Maueröffnung im Jahre 1989 zu danken. Er fragte mich, ob ich ihn nicht begleiten könnte. Ich sagte ganz spontan zu, der morgige Tag war ja als Nationalfeiertag frei. Ich sagte unserem Außenminister: Er müsse aber dann den ganzen Tag die "Humboldt-Krawatte" tragen, die ich ihm zu Beginn des Abendessens überreicht hatte. Zudem benötigte ich in Budapest ein frisches weißes Hemd. Der deutsche Botschafter in Budapest wurde sogleich telefonisch informiert und er sorgte auch dafür, dass bei der Ankunft in Budapest ein weißes Hemd bereit lag.
Auf dem Flughafen wurden wir vom ungarischen Außenminister und anderen Persönlichkeiten begrüßt. Am Ende der Reihe stand der Sekretär des ungarischen Humboldt-Clubs, Janos Fischer, er trug die Humboldt-Krawatte. Der deutsche Botschafter hätte ihn morgens um 7:00 Uhr über meine Ankunft informiert, und er entschied sofort, mich schon am Flughafen zu begrüßen. Beim abendlichen Empfang in der deutschen Botschaft erschien auch der Präsident des Ungarischen Staatsgerichtshofs mit zwei Richtern, alle drei trugen die Humboldt-Krawatte.
Kosmos: Können Sie versuchen, ein bisschen die spezifischen Funktionen von Herrn Pfeiffer zu charakterisieren, der sehr, sehr lange die Humboldt-Stiftung geprägt hat?
Lüst: Er wird nicht umsonst "Mr. Humboldt" genannt. Er hat die Stiftung ganz wesentlich mit geprägt. Es war ein Glücksfall, dass der erste Präsident der AvH, Werner Heisenberg, ihn 1956 zum Generalsekretär bestellte. Er hatte zu ihm, aber auch zu allen anderen Präsidenten ein sehr enges Vertrauensverhältnis. Heinrich Pfeiffer kannte praktisch jeden Humboldtianer. Das konnte man bei jeder Tagung mit Humboldtianern erleben, dabei half ihm sein unglaubliches Namensgedächtnis, das er immer wieder anhand der Bilderkartei der Humboldtianer auffrischte.
Heinrich Pfeiffer war Tag und Nacht für die AvH im Einsatz. So wurde jeder Humboldtianer, der einmal nach Bonn kam, auch zu ihm nach Hause eingeladen.
Die Nachbetreuung wurde von ihm initiiert, wie auch der Bau der Gästehäuser in Westdeutschland und später in Ostdeutschland.
Das Stipendien-Programm wurde aus Anlass des 25-jährigen Jubiläums des Marshall-Planes durch das Preisträger-Programm für amerikanische Naturwissenschaftler, Mediziner und Ingenieure erweitert. Er sorgte dafür, dass es schließlich auch auf andere Länder ausgedehnt wurde. Aber auch der Aufbau der Zentrale mit den Häusern in Bonn und dem wunderschönen Garten ist sein Werk.
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