Die zweite Hälfte der 1990er Jahre
Umworbene Gastwissenschaftler
Von Heike Jöns
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Auch im Internet-Zeitalter bildet der persönliche Kontakt zwischen den Wissenschaftlern die Grundlage für überraschenden Erkenntnisgewinn und vertrauensvolle Kooperation (Foto: PhotoDisc).
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Die politische Wende im Ostblock erweiterte die Möglichkeiten zu internationaler Wissenschaftskooperation erheblich. Nach der anfänglich starken Orientierung an Deutschland als dem historisch, geographisch und kulturell nächstliegenden westlich geprägten Zielland normalisierten sich die Beziehungen zu Mittelund Südosteuropa insofern, als dass dort auch andere Länder in den Blickpunkt rückten. So orientierten sich zahlreiche Nachwuchswissenschaftler auf die angloamerikanisch geprägten Länder, die attraktive Forschungsmöglichkeiten boten und zudem Vorteile in Zusammenhang mit der Wissenschaftssprache Englisch aufwiesen.
In der zweiten Hälfte der 1990er Jahre trafen aber auch weniger Bewerbungen aus anderen Ländern ein. Betroffen waren zum Beispiel die USA, Japan, Großbritannien, Australien und Südafrika. Insgesamt ging die Zahl der jährlichen Bewerbungen im Verlauf der 1990er Jahre auf das Niveau der 1980er Jahre zurück. Eine Vielzahl von Faktoren führte zu dieser Entwicklung. So standen zum einen durch die Folgen des Geburtenrückganges in den hochentwickelten Industrienationen weniger junge Nachwuchswissenschaftler zur Verfügung. Diesen wiederum stand weltweit ein stark vergrößertes Stipendienangebot offen. Außerdem zogen viele Examinierte finanziell attraktivere Stellen in der Wirtschaft der Wissenschaft vor. Da die kulturelle Verbundenheit mit dem Gastland ebenfalls ein wichtiger Entscheidungsfaktor für einen längeren Forschungsaufenthalt im Ausland ist (Jöns 2002b), wirken sich in vielen Ländern und Regionen (zum Beispiel USA, Südamerika) auch rückläufige biographische Bezüge nach Deutschland und Mitteleuropa auf das Interesse an einem längeren Deutschlandaufenthalt aus.
Asien und Afrika
Humboldt-Stipendiaten nach Heimatland, 1994 bis 2002. Klicken Sie hier für ein größeres Bild (Grafik: Jöns).
 | Anstiege von Bewerbungen waren in den 1990er Jahren aus den asiatischen Staaten Indien, China und Bangladesch zu verzeichnen. Als Resultat führt China die vorläufige Rangliste der fünften Förderdekade (1994 - 2003) sowohl bei den Bewerbungen als auch bei den Stipendiaten an. Zum anderen traten erstmals die afrikanischen Staaten Nigeria und Algerien durch ein relativ großes Interesse hervor. Ägypten war bei den Bewerbungen weiterhin der am stärksten vertretene afrikanische Staat, Nigeria wies aber mehr vergebene Stipendien auf. Für hoch qualifizierte, promovierte Wissenschaftler aus Entwicklungsländern vergibt die Humboldt-Stiftung seit 1998 zusätzlich Georg Forster-Forschungsstipendien. Diese bieten weitere Möglichkeiten für Forschungsaufenthalte in Deutschland, ohne dass die Bewerbungen dem Konkurrenzdruck aus wirtschaftlich besser gestellten Industriestaaten ausgesetzt sind.
Internationales Marketing
Um die Stellung Deutschlands im Netzwerk internationaler Wissenschaftsbeziehungen zu festigen und die Internationalisierung des Hochschul- und Forschungsstandorts Deutschland auszubauen, intensivierte die Humboldt-Stiftung seit dem Ende der 1990er Jahre Maßnahmen, die darauf zielen, ihre Förderprogramme bekannter und attraktiver für die weltweit umworbenen Wissenschaftler zu gestalten. Neben gezielter Informationsvermittlung gehört dazu auch die Einrichtung neuer Förderinstrumente. So schuf die Humboldt- Stiftung im Rahmen des Zukunftsinvestitionsprogramms der Bundesregierung (ZIP) die weltweit höchstdotierten Wissenschaftspreise. Als Wolfgang Paul- und Sofja Kovalevskaja-Preise wurden diese 2001 erstmals an 43 junge Wissenschaftler aus dem Ausland vergeben. Frei von administrativen Zwängen bieten sie den Preisträgern die Möglichkeit zu langfristiger Forschungsarbeit mit einer eigenen Arbeitsgruppe und stellen damit eine wichtige Grundlage für die weitere Internationalisierung der Forschung in Deutschland dar.
Fazit: Internationalität durch Humboldt-Förderung
Die Förderzahlen der Humboldt-Stiftung der vergangenen fünf Jahrzehnte lassen sich in Verbindung setzen mit weltpolitischen Ereignissen, innenpolitischen Entwicklungen und der Reintegration Deutschlands in die internationale Wissenschaftsgemeinschaft. Bewerbungen und Stipendien nahmen zu, boomten, stabilisierten sich wieder, regionale Schwerpunkte der Förderung verschoben sich. Neue Humboldt-Programme erschlossen verschiedene Segmente der Wissenschaftlermobilität, die Nachkontaktarbeit der Humboldt- Stiftung und freiwillige Initiativen ehemaliger Gastwissenschaftler festigten ein weit gespanntes Netzwerk von Humboldtianern auf allen Kontinenten. Mit großer Kontinuität war die Arbeit der Stiftung im Betrachtungszeitraum durch politische Neutralität, Flexibilität bei sich wandelnden Rahmenbedingungen, anspruchsvolle Auswahlprinzipien und individuelle Betreuung gekennzeichnet.
In einer schnelllebiger werdenden Wissenschaftswelt eröffnen die langfristig ausgerichteten Humboldt-Programme wichtige Gelegenheiten für einen intensiven wissenschaftlichen Austausch über Länder-, Fächer-, Kultur- und Sprachgrenzen hinweg. Gerade der alltägliche persönliche Kontakt zwischen Humboldtianern und Angehörigen ihrer Gastinstitution ermöglicht überraschende Erkenntnisse und vertrauensvolle Kooperationen zwischen Wissenschaftlern, die auch im Zeitalter des Internets sonst nicht zustande kämen.
Die Förderung internationaler Wissenschaftlermobilität kommt dabei keineswegs einer oft vermuteten, inhärenten Internationalität der Wissenschaften entgegen, sondern schafft diese erst: Wissenschaftliche Erkenntnisse erhalten ihren internationalen, objektiven und universellen Charakter erst durch die Zirkulation von einem Ort zum anderen, durch die Rekrutierung unterstützender Ressourcen an anderen Orten und durch ihre Bewährung und Akzeptanz in neuen Kontexten. Die Möglichkeit zu grenzüberschreitender Interaktion in den Wissenschaften gehört daher zweifellos zu den wichtigsten Auswirkungen der Humboldt- Förderung. Hinzu kommen persönliche Deutschlandbindungen, die langfristig über die wissenschaftliche Dimension hinaus politische, kulturelle und wirtschaftliche Beziehungen Deutschlands in der Welt prägen.
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