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Interview: Geographie des Wissens

Professor Peter Meusburger - Ordinarius am Institut für Geographie der Universität Heidelberg - leitet das Projekt "Entwicklungen und Auswirkungen internationaler Wissenschaftsbeziehungen durch Humboldt-Stipendiaten in Deutschland, 1953 - 1999"

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Peter Meusburger (Foto: privat).

Kosmos: Wie kommt es, dass sich ein Sozialgeograph für die Humboldt-Stiftung interessiert?

Peter Meusburger: Ich habe seit rund 30 Jahren einen Forschungsschwerpunkt, den man mit "Bildungsgeographie" oder "Geographie des Wissens" umschreiben könnte. Diese befasst sich mit den räumlichen Strukturen, Disparitäten und Prozessen der Produktion, Diffusion und Anwendung von Wissen, Qualifikationen und Ausbildung. Regionale Unterschiede verschiedener Arten von Wissen sind ein wesentliches Strukturelement der Wirtschaft und Gesellschaft.

In jüngster Zeit wurde verstärkt darauf hingewiesen, dass auch die sozialen und infrastrukturellen Bedingungen, unter denen Wissen produziert und verbreitet wird, je nach Standort und Fachgebiet sehr unterschiedlich sind. Auch die Diskurse und sozialen Interaktionen sind nicht an allen Universitäten gleich, so dass die Forschungsstandorte nicht nur Auswirkungen auf die Themenwahl und die angewandten Methoden, sondern sogar auf die Forschungsergebnisse haben können. Stipendiaten und Preisträger der Humboldt- Stiftung stellen eine geradezu ideale Untersuchungsgruppe dar, anhand derer einige neuere Forschungsfragen der geographischen Wissenschaftsforschung empirisch befragt werden können.

Kosmos: Was ist die große Frage, die zentrale Theorie oder These, die hinter Ihren Untersuchungen über Humboldt-Preisträger und -Stipendiaten steht?

Meusburger: Im Mittelpunkt steht die These, dass grenzüberschreitende Interaktionen und Netzwerke zwischen Wissenschaftlern/innen deren wissenschaftliche Leistung (Originalität, Kreativität) wesentlich beeinflussen. Im Unterschied zur weit verbreiteten Ansicht, dass Wissenschaft per se einen internationalen Charakter besitzt, vertreten wir die These, dass wissenschaftliches Arbeiten auf vielfältige Weise räumlich strukturiert ist und die zirkuläre Mobilität von Wissenschaftlern einen wesentlichen Beitrag zu dieser Strukturierung leistet.

In dem von Frau Dr. Jöns bearbeiteten und 2001 abgeschlossenen Projekt wurden die US-amerikanischen Humboldt-Preisträger befragt, die zwischen 1972 und 1997 einen mehrmonatigen Forschungsaufenthalt an einer deutschen Universität oder sonstigen Institution der Forschung absolvierten. Dabei standen folgende Forschungsfragen im Mittelpunkt: Welche Netzwerke bestehen zwischen amerikanischen und deutschen Spitzenwissenschaftlern? Welche deutschen Universitäten werden von der Elite der USamerikanischen Wissenschaften als besonders attraktiv empfunden und deshalb für Forschungsaufenthalte bevorzugt? Aus welchen Motiven kommen die amerikanischen Wissenschaftler nach Deutschland und wie beurteilen sie rückblickend ihren Forschungsaufenthalt und die Wissenschaftslandschaft in Deutschland? Welche Folgewirkungen haben diese wissenschaftlichen Forschungsaufenthalte für die deutschen und amerikanischen Kooperationspartner? Aus welchen Gründen würden die amerikanischen Preisträger ihren Mitarbeitern und Doktoranden einen Forschungsaufenthalt in Deutschland empfehlen oder davon eher abraten? Welche Faktoren beeinflussen die Interaktion zwischen deutschen und amerikanischen Wissenschaftlern? Welche Standorte waren während der wissenschaftlichen Laufbahn der US-Preisträger weltweit in die Netzwerke dieser Gruppe international führender Wissenschaftler eingebunden? Welche Akteursnetzwerke waren für das Zustandekommen der Preisträgeraufenthalte verantwortlich und welche Netzwerke wurden durch die Aufenthalte in Deutschland neu geschaffen?

Auch die Nachfrage nach internationaler Mobilität variiert sehr stark nach Fachgebieten und Arbeitsrichtungen, weil verschiedene wissenschaftliche Arbeitsweisen unterschiedlich stark auf spezifische räumliche Kontexte angewiesen sind. Die interpretativ-argumentativen Geisteswissenschaften haben völlig andere Anforderungen an internationale Mobilitätsprogramme als Experimentalphysiker.

Kosmos: Im Rahmen eines neuen DFG-Projektes zum Thema "Entwicklungen und Auswirkungen internationaler Wissenschaftsbeziehungen durch Humboldt-Forschungsstipendiaten in Deutschland, 1953 - 1999" beschäftigen Sie sich mit den Bewerbungs- und Förderzahlen der Humboldt-Stiftung. Können Sie schon jetzt Aussagen oder Tendenzen benennen, die sich aus den Zahlen ergeben?

Meusburger: Dieses neue DFG-Projekt wurde erst vor kurzem begonnen und befasst sich mit den Humboldt-Stipendiaten. Diese sind noch wesentlich jünger als die Preisträger, haben in der Regel noch keine Professur und bleiben im Durchschnitt auch etwas länger in Deutschland. Im Unterschied zum ersten Projekt werden nun nicht mehr nur amerikanische Wissenschaftler, sondern solche aus der ganzen Welt untersucht. Deshalb ergeben sich in diesem Projekt auch andere Forschungsfragen als im ersten. Durch den Vergleich einer Vielzahl von Herkunftsländern können wir untersuchen, wie unterschiedliche politische Gegebenheiten und wirtschaftliche Bedingungen, verschiedene Sprach- und Kulturräume, nationale Wissenschaftssysteme und symbolische Bedeutungen von Forschungskontexten internationale Wissenschaftsbeziehungen beeinflussen und sich konkret in der Gestaltung und den Auswirkungen von Forschungsaufenthalten in Deutschland ausgewirkt haben.

Kosmos: Auf welche Quellen stützen Sie Ihre Untersuchungen?

Meusburger: Die abgeschlossene Untersuchung stützte sich auf zahlreiche Quellen. Die drei wichtigsten waren eine schriftliche Befragung aller Humboldt-Preisträger der Jahre 1972 - 1996 (= von 1.566 angeschriebenen Preisträgern haben 1.020 auswertbare Fragebögen zurückgesandt), personen- und aufenthaltsbezogene anonymisierte Individualdaten aus der Datenbank der Humboldt-Stiftung zu allen Nominierenden, Nominierten und Preisträgern (rund 1.900 Datensätze) sowie leitfadenorientierte verstehende Interviews mit 61 ausgewählten US-Preisträgern und deutschen Post- Docs in den USA. Die ersten beiden Quellen waren besonders wichtig, um die räumlichen Strukturen, Mobilitätsmuster, Netzwerke und Attraktivitätsunterschiede der Hochschulen zu erfassen. Anhand der dritten Quelle konnten vor allem subjektive Einschätzungen und Motive der US-Preisträger untersucht werden. Die weit zurück reichende Datenbank der Humboldt- Stiftung verfügt über sehr detaillierte Datensätze zu allen Stipendiaten seit 1954.

Kosmos: Welche überraschenden Ergebnisse haben Sie gefunden?

Meusburger: Die rund 450 Seiten umfassende Dissertation von Frau Jöns enthält eine Vielzahl von überraschenden Ergebnissen, so dass es nicht einfach ist, einige herauszugreifen. Nicht erwartet haben wir unter anderem die große Bedeutung biographischer Bezüge zu Deutschland, die beträchtlichen kulturellen Unterschiede in der Wissenschaftsorganisation in Deutschland und den USA und die daraus resultierenden Konsequenzen sowie die großen fächerspezifischen Unterschiede in der Produktion und Diffusion wissenschaftlicher Erkenntnisse.

17.12.2003
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