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Urlaub im Weltraum?

Die meisten Leute möchten ins All, um von dort aus die Erde zu betrachten

Von Robert A. Goehlich

Robert A. Goehlich (Fotos: privat).

Ausgedehnte Reisen von Touristen und Geschäftsleuten auf dem Luft-, See- und Landweg gehören mittlerweile zum Alltag. Im Gegensatz dazu sind Reisen in den Weltraum bisher nur einer kleinen Gruppe von Astronauten vorbehalten, die in staatlichen Programmen erstklassig trainiert werden. Die öffentliche Meinung dazu ist, dass dies nicht anders sein kann. Die Entwicklung eines Weltraumtourismusgeschäfts hat jedoch bereits begonnen; erste Schritte sind zum Beispiel Themenparks, Weltraumcamps und Parabelflüge. Kommerzielle suborbitale Flüge mit einigen Minuten Schwerelosigkeitserfahrung werden wahrscheinlich der nächste natürliche Entwicklungsschritt des Weltraumtourismus sein. Am erfolgreichsten ist zurzeit die Entwicklung des SpaceShip- One, entwickelt von Scaled Composites und finanziert durch Microsoft Co-Gründer Paul Allen. Am 21. Juni 2004 hat SpaceShipOne als erste privat finanzierte Rakete eine Flughöhe von 100 Kilometern erreicht.

Suborbitale Flüge für Touristen können definiert werden als ein Ereignis, für das Kunden einen anfangs sehr hohen Preis zahlen (Schätzungen variieren zwischen 5.000 und 1,1 Millionen Dollar), um auf einem ballistischen Flug in einem Raumfahrzeug in den Weltraum zu gelangen (100 Kilometer Apogeehöhe), einige Minuten Schwerelosigkeit zu erfahren und dann zur Erde zurückzukehren, ohne diese zu umkreisen. Diese Weltraumausflüge ähneln den Rundflügen mit Flugzeugen in den zwanziger Jahren, die den ersten kommerziellen Luftfahrtmarkt bildeten. Insgesamt besteht ein solcher Touristenflug aus einem einwöchigen Aufenthalt an einem Weltraumbahnhof. In den ersten drei Tagen finden ein Sicherheitstraining, Simulatorflüge, Parabelflüge und eine Fahrt in der Zentrifuge statt. Am vierten Tag nimmt der Passagier an dem suborbitalen Flug teil, der abhängig von der Flugsequenz eine halbe bis drei Stunden dauert. Danach werden die so genannten "Astronaut Wings" verliehen, als Auszeichnung für einen Aufenthalt im Weltraum. Die letzten Tage sind gedacht, um die Eindrücke und neuen Erfahrungen miteinander auszutauschen.

Der Betrieb von Raumfähren für den Individualtourismus bis 2010 erscheint realistisch.

Was jedoch suchen Touristen eigentlich im Weltraum? Marktstudien haben gezeigt, dass die meisten Menschen "nur" die Erde betrachten wollen. Es scheint eine besondere Faszination zu sein, die verschiedenen Länder ohne sichtbare Grenzen vorbei gleiten zu sehen. Auch den Weltraum zu betrachten ist ein Genuss, da die Sterne viel klarer und heller ohne die Atmosphäre dazwischen erscheinen. Eine weitere Attraktion ist die Erfahrung der Schwerelosigkeit. Der Experimentierfreudige entdeckt hier neue Varianten der Nahrungsaufnahme, beispielsweise beim Trinken von einer frei im Raum schwebenden Wasserkugel ohne jegliches Gefäß.

Interessenten sind bereits gefunden. Obwohl noch keine verbindlichen Starttermine festgelegt wurden, sind bei der größten Reiseagentur für Weltraumtourismus bereits 25 Tickets für suborbitale Flüge zu 100.000 Dollar vollständig bezahlt und 130 suborbitale Flüge zu 6.000 Dollar angezahlt. Marktstudien prognostizieren, dass die jährliche Nachfrage bei einem Ticketpreis von 100.000 Dollar bis zu 20.000 Passagiere betragen kann. Als Vergleich: Ein Tauchausflug zur Titanic kostet derzeit 36.000 Dollar. An den Raumschiffen selber wird zurzeit noch intensiv gearbeitet. Weltweit wurden über 150 verschiedene Konzepte vorgeschlagen. Einige sind schon in der Testphase, andere sind noch (oder für immer) in der Vorentwurfsphase. Die meisten wurden in den USA und Russland entwickelt, einige aber auch in Argentinien, Indien und Rumänien. Der mit 10 Millionen Dollar dotierte "Ansari X"-Preis für die erste erfolgreich betriebene wiederverwendbare suborbitale Raumfähre animiert insbesondere sehr kleine "start-up"-Unternehmen zur Realisierung solcher Konzepte.

Eine Attraktion für Weltraumtouristen ist das Spiel mit der Schwerelosigkeit.

Eine große Schwierigkeit ist dabei, die Raumfahrzeuge so zu konstruieren, dass sie wirtschaftlich und zuverlässig betrieben werden können, da die benötigte Technologie sehr komplex ist. Wenn beim Losfahren mit dem Auto an der grün gewordenen Ampel der Motor plötzlich versagt, ist das vielleicht peinlich, aber (meistens) ungefährlich. Wenn bei einem Flugzeug beim Start ein Düsentriebwerk versagt, reichen die übrigen Triebwerke aus, um sicher zu starten, da man vorsichtshalber die Schubleistung sehr großzügig bemessen hat. Bei Raumfähren kann man sich den Luxus von Reserven leider nicht leisten. Jedes Extra- Kilogramm an Masse wird in der Raumfahrt sehr viel stärker durch höhere Betriebskosten "bestraft" als in der Luftfahrt. Also sollte vor Produktion und Inbetriebnahme der Raumfähren vorher schon einmal geprüft werden, ob sie überhaupt wirtschaftlich fliegen können. Diese Überprüfung lässt sich am preiswertesten und schnellsten durch eine Computersimulation realisieren. Eine Untersuchung der wirtschaftlichen Realisierbarkeit durch Bestimmung der minimal notwendigen Flugscheinpreise für ein realistisches Szenario in naher Zukunft wurde durchgeführt. Die berechneten Flugscheinpreise variieren, abhängig vom jeweiligen System, zwischen 0,3 Millionen und 1,1 Millionen Dollar. Um rentabel zu sein, müsste die momentan praktizierte Verkaufsstrategie, Flugscheine für 100.000 Dollar oder weniger anzubieten, geändert werden.

Noch ist es nicht soweit. Unverbindliche Ticketreservierungen für Mondflüge wurden von der Fluggesellschaft PanAm bereits 1969, nach dem Erfolg der Apollo-Mission, entgegengenommen. Bis heute hat noch keiner davon stattgefunden. Jedoch in Anbetracht der seit einigen Jahren intensiven Forschung in den USA und der weiteren Kommerzialisierung der Raumfahrt erscheint ein Betrieb von wiederverwendbaren suborbitalen Raumfähren bis zum Jahr 2010 für den Individualtourismus und bis zum Jahr 2020 für den Massentourismus realistisch. Wer so lange nicht warten möchte, kann ähnlich wie die Multimillionäre Dennis Tito oder Mark Shuttleworth einen einwöchigen Aufenthalt in einer Raumstation für 20 Millionen Dollar buchen.

Seit dem 5. November 2003 biete ich an der Keio Universität in Japan eine Vorlesung zum Thema "Weltraumtourismus" an. Dies ist die weltweit erste regelmäßige, offizielle Veranstaltung zu diesem Thema. Online-Teilnahme unter www.robert-goehlich.de.

29.12.2004
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Dr.-Ing. Robert A. Goehlich
Fachgebiet: Raumfahrzeugtechnik
Förderprogramm: Forschungsstipendium der Japan Society for the Promotion of Science
Gastinstitution: Keio University, Department of System Design Engineering, Yokohama/Japan
Heimatinstitution: Technische Universität Berlin, Institut für Luft- und Raumfahrt

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