Denis-Didier Rousseau
Den steinernen Schnecken auf der Spur
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Es gibt ihn noch, den Forschungsreisenden, der auf den Spuren Humboldts die Erdteile bereist und dort zu Hause ist, wo er sein Zelt aufschlägt. Der französische Paläontologe Denis-Didier Rousseau berichtet von seiner Arbeit.
Wie kann den Wissenschaftlern auf die Sprünge geholfen werden, fragt sich das zusammenwachsende Europa. Forschermobilität ist zurzeit ein heißes Thema. Dabei zeigt ein Blick auf das Leben Alexander von Humboldts und vieler anderer wissenschaftlicher Größen der Vergangenheit, dass Forscher eigentlich schon immer mobil gewesen sind. Die Arbeit eines Naturforschers ist gar nicht anders denkbar. Gerade als Paläontologe bleibt einem kaum anderes übrig, als sein Forschungsmaterial vor Ort zu suchen. Auch deshalb, weil Fossilien oft nur in ihrer unmittelbaren Umgebung richtig eingeordnet werden können und ihrem Entdecker ihr Geheimnis offenbaren.
Seit meiner Doktorarbeit bin ich so ständig landauf landab durch zahlreiche Regionen und Länder gereist. Dabei habe ich mich auf fossile Gemeinschaften von landlebigen Weichtieren spezialisiert. Einfacher gesagt: auf Schnecken, die vor 2,5 Millionen Jahren gelebt haben. Besonders spektakuläre Geschöpfe sind sie nicht gerade, zugegeben. Und natürlich wird ihnen weit weniger Medieninteresse zuteil als den berühmten Dinosauriern oder fossilen Hominiden. Doch sie ermöglichen eine sehr getreue Nachbildung der fossilen Umgebungen, die den Klimawandel auf der Erde abbilden. Sie kommen in großer Zahl im Löss vor, einem durch Wind transportierten Sediment, das wie ein paläontologisches und paläoklimatisches Archiv ist. Derzeit gibt es auf der Welt nur sehr wenige Experten auf diesem Gebiet. Der Austausch mit Kollegen wird dadurch schwieriger. Andererseits kann man ohne Sorge um Konkurrenten seine Einsatzorte frei aussuchen. Ob in Europa, China oder in den USA - man geht dahin, wo die Schnecken sind.
Arbeiten am Seil
Die Gebiete sind meist leicht zugänglich, doch die Fossilien nicht. Um 15 Kilogramm Material aus einem zehn Zentimeter dicken Sediment zu gewinnen, ist intensive Vorarbeit nötig. Auf einer Aufschlussfläche von etwa zehn Quadratmetern wird das Sediment einen halben Meter in die Tiefe von Hand abgetragen. Maschinen würden das Bild der geologischen Schichten zerstören. Zum Einsatz kommen daher Spachtel oder selbst gebastelte Werkzeuge. Oft sind die zu untersuchenden Wände völlig senkrecht, und wir arbeiten wie Bergsteiger an Seilen.
So gewinnt man Spachtelstich um Spachtelstich Tonnen an Sedimenten. Doch davon ist noch kein einziges Schneckengehäuse freigelegt. In den weiten amerikanischen Prärien oder chinesischen Ebenen führt dies zu einem großen Problem. Denn oft gibt es in der Nähe der Forschungsstätte keine Wasserstelle, um die Sedimentproben zu säubern. Doch an Ort und Stelle reinigen muss man sie, denn es würde ein Vermögen kosten, alle Proben in ein Labor zu bringen, um sie dort aufzubereiten. Also braucht man nichts weiter als ein kleinmaschiges Sieb und - sehr viel Wasser. In den USA hatten mein Kollege und ich das Glück, dass uns der Besitzer des Landes, auf dem wir arbeiteten, regelmäßig ein Bassin füllte, das vor vielen Jahren einmal als Wassertrog für Kühe gedient hatte. So waren wir eine ganze Woche damit beschäftigt, irgendwo im tiefsten Nebraska unsere Proben über eine Viehtränke gebeugt in ein paar Kubikmeter Wasser zu waschen. Die Einheimischen fragten sich, was wohl diese beiden Franzosen an einem so verlassenen Ort verloren hatten!
Fünf Tonnen auf unseren Rücken
In China mussten wir hingegen ein kleines Becken bauen, welches auch mehrere Kubikmeter Wasser fasste, aber jede Nacht geleert werden musste, um zu vermeiden, dass die Plastikabdeckung darauf gestohlen wurde. Hier untersuchen wir eine Sedimentablagerung, die insgesamt 132 Meter tief ist. Bislang haben wir gerade einmal 35 Meter geschafft und jüngere fossile Gemeinschaften aus den letzten 470.000 Jahren zutage gebracht. Ungefähr 5,25 Tonnen Sediment dürften wir dabei auf unseren Rücken hoch zum Sammelplatz geschleppt haben. Zu den körperlichen Anstrengungen kommen andere Unannehmlichkeiten wie Schlangen, giftige Pflanzen, die Gefahr der Dehydrierung oder von Erdrutschen. Viel Aufwand, den man einer Veröffentlichung in einer internationalen Fachzeitschrift nicht ansehen kann. Doch die Arbeit in der Natur entschädigt beinah alles. Jedes Mal wenn ich in Luochuan im Zentrum von China ankomme, fühle ich mich wie ein Herrscher im eigenen Garten. Als Forschungswanderer lerne ich andere Menschen, Kulturen und Landschaften kennen. Eine persönliche Bereicherung, auf die ich um nichts in der Welt verzichten möchte und die mich lehrt, in meiner Arbeit demütig zu bleiben und die kleinen Probleme im Labor oder im alltäglichen Leben zu relativieren. Und was kann es Angenehmeres geben, als die Schönheit der Landschaften, die Arbeit vor Ort und die Begegnung mit anderen Gesellschaften zu verbinden - und in aller Bescheidenheit in den Spuren von Forschern wie Alexander von Humboldt zu wandern.
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