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"Deutschland" - Auslandszeitschrift der Bundesrepublik Deutschland

Wir brauchen maßgeschneiderte Evaluationen

Interview Wedig von Heyden

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Wedig von Heyden.
Wedig von Heyden

Ein Gespräch mit dem Generalsekretär des Wissenschaftsrates Wedig von Heyden über das grassierende Evaluationsfieber, Träume von einem deutschen Harvard und die Zukunft der wissenschaftlichen Qualitätskontrolle.

Kosmos: Gemeinsam mit der Deutschen Forschungsgemeinschaft hat der Wissenschaftsrat einen groß angelegten Universitätswettbewerb, die Exzellenzinitiative, durchgeführt. Das öffentliche Echo war enorm. Was machte Hochschulpolitik auf einmal für viele so interessant?

von Heyden: Die Aufmerksamkeit war so groß, weil wir einen wahren Paradigmenwechsel erlebten. Vorher waren alle Universitäten gleich. Obwohl jeder wusste, dass das eigentlich nicht stimmte. Und jetzt sollten auf einmal die Hochschulen nicht mehr gleich sein! Die Ungleichheit, die Differenzierung wird zum erklärten Ziel. Wunderbar!

Kosmos: Seither gilt der zuvor in Deutschland schief angesehene Elitebegriff wieder als hoffähig.

von Heyden: Ja, allerdings war das Gerede vor allem der Medien von der Eliteuniversität Unsinn. Da dachte man an die Ivy League der Vereinigten Staaten und meinte: "Jetzt kriegen wir in Deutschland endlich unser eigenes Harvard." Dass das schon finanziell nicht geht, ist ja nun allgemein bekannt. Es geht darum, das deutsche Universitätssystem nach vorne zu bringen, damit es den Anschluss an die Spitze gewinnt. Aber das ist ein weiter Weg. Dafür muss die Exzellenzinitiative zu einem Dauerzustand werden. Der Wettbewerb darf kein Strohfeuer sein.

Kosmos: Die Exzellenzinitiative mit ihren klaren Gewinnern und Verlierern war plakativ. Zurzeit führen Sie in den Fächern Chemie und Soziologie eine Pilotstudie für ein Forschungsrating durch. Die Ergebnisse werden differenzierter sein als solche eines Wettbewerbs oder Rankings.

Pressekonferenz zur Exzellenzinitiative: Bundesforschungsministerin Annette Schavan, DFG-Präsident Ernst-Ludwig Winnacker und Peter Strohschneider, Vorsitzender des Wissenschaftsrates, stellen die Siegeruniversitäten vor (Foto: picture-alliance / scanpix / Jan Håkan Dahlström). Klicken Sie hier für ein größeres Bild.

von Heyden: Die Leistungen jeder Einrichtung werden von Gutachtern nach einer Reihe von Kriterien bewertet und die Ergebnisse ungewichtet nebeneinander gestellt. Das wird eine Analyse von Stärken und Schwächen möglich machen und deshalb, da bin ich sicher, große Beachtung finden; auch ohne Rangliste. Grundlage werden eine Vielzahl von Indikatoren und Zusatzinformationen sein, die wir dann verdichten, damit das Ganze handhabbar wird. Es nutzt nichts, wenn man eine Weltformel hat, von der niemand etwas weiß. Natürlich muss das Rating am Ende von Politik, Hochschulen und Wissenschaftseinrichtungen akzeptiert und letztlich auch bezahlt werden. Die Pilotphase ist erst in gut einem Jahr zu Ende.

Kosmos: Was wird die Folge des Ratings sein. Gibt es, so wie bei der Exzellenzinitiative, mehr Geld?

von Heyden: Nein, zunächst einmal wird allein die Durchführung des Ratings sogar Geld kosten. Zielgruppe sind die Hochschulleitungen, die informiert werden sollen über ihre Stärken und Schwächen. Daraus sollen sie selber ihre Konsequenzen ziehen. Wir wollen gerade nicht, dass die Politik sagt: Aha, Einrichtung X ist im Fach Z besonders schlecht, also kürzen wir ihr das Geld.

Kosmos: Geisteswissenschaftler klagen, dass viele der gängigen Qualitätsindikatoren vor allem auf die Naturwissenschaften passen, etwa eine hohe Zahl internationaler Publikationen.

von Heyden: Jede Disziplin braucht ihre maßgeschneiderten Indikatoren. In der schnelllebigen Informatik ist zum Beispiel wichtiger als eine Publikation, dass man als Keyspeaker zu einer Konferenz eingeladen wurde. Germanisten publizieren natürlich vor allem Deutsch und nicht Englisch, wie in den Naturwissenschaften üblich. Da gibt es jeweils eigene Publikations- und Reputationspraktiken. Ein Rating können Sie deshalb immer nur fachbezogen durchführen. Und selbst dann haben Sie ein Problem: Was machen Sie mit den interdisziplinären Instituten? Was mit Soziologen, die nicht in den soziologischen Fakultäten sitzen, sondern in den medizinischen oder psychologischen? Es gibt da interessante Kombinationen, beispielsweise die Chemische Geophysik. Packen Sie die zur Chemie? Zur Geologie? Zur Physik? Das müssen wir im Einzelfall verorten.

Kosmos: Welche Rolle spielt der Indikator Internationalität?

von Heyden: Die Zahl der Humboldt-Stipendiaten an einer Einrichtung ist ein Indikator. Allerdings hängt die Entscheidung für eine deutsche Universität nicht nur von ihrer wissenschaftlichen Qualität ab, sondern auch von ihrer Größe, allgemeinen Bekanntheit und der Lebensqualität der Stadt. Da haben es neuere Standorte beispielsweise im Osten schwerer, einfach weil sie weniger bekannt sind. Aber Internationalität liest sich ja auch an anderer Stelle ab, etwa an internationalen Publikationen.

Kosmos: Welche Rolle spielt die Lehre?

Zählen, messen, vergleichen: Wie hoch ist die Gefahr, dass originelle Wissenschaft durch den Rost fällt? (Foto: Associated Press / Boris Heger).

von Heyden: Wir haben das auf Wunsch der Politik ausprobiert und mussten feststellen: Es ist enorm schwierig, wenn nicht unmöglich, ein Rating der Lehre durchzuführen. Es sagt beispielsweise nichts aus, ob man zu sechst in der Vorlesung bei einem Professor sitzt oder zu sechshundert. Es gibt darüber nur prima-facie-Vermutungen. Was aber macht gute Lehre aus? Und wie vergleicht man sie universitätsweit oder -übergreifend? Das ist schwierig. Zitationen, Drittmitteleinwerbung - all die Indikatoren, die Sie in der Forschung haben, haben Sie hier nicht. Sie müssten Kriterien festlegen und dann in jede Vorlesung einen Gutachter reinsetzen. Das ist allein von der Anzahl her unmöglich.

Kosmos: Die schiere Zahl der Begutachtungen ist auch in der Evaluierung der Forschung ein Problem. Bei mehr als hundert zu verfassenden Gutachten im Jahr liest auch der Gewissenhafteste die Dossiers nur noch kursorisch. Das Risiko von Fehlbewertungen steigt. Weniger Gutachten wären eine Lösung. Nur, wie kommt man dazu?

von Heyden: Schuld ist die "Evaluationitis". Und: Je höher die Reputation der Wissenschaftler, desto häufiger werden sie gefragt. Dabei wollen die ja neben den vielen Gutachten auch noch Wissenschaft machen. Man müsste übergehen auf längere Zeiträume. Etwa, Evaluationen nur noch alle zehn und nicht mehr alle fünf Jahre. Ohne Frage gewönne die Qualität, wenn die Gutachter weniger belastet wären. Ein anderes Problem ist, dass die Gutachter dazu neigen, dem Mainstream zu folgen. Interdisziplinäre Projekte werden da mitunter nicht als das wahrgenommen, was sie versprechen. Da ist der eine Biologe und der andere Mediziner. Wenn dann etwas Biomedizinisches kommt, passt es einfach nicht so gut hinein.

Kosmos: Es heißt, ginge es nach den heute gängigen Indikatoren wie impact factor, wäre der junge Albert Einstein durch sämtliche Qualitätsraster gefallen. Auch die String-Theorie schlummerte jahrelang, ohne besonders aufzufallen und zitiert zu werden, bis sie auf einmal in aller Munde war. Wie hoch ist die Gefahr, dass originelle Wissenschaft durch den Rost fällt?

von Heyden: Wichtig ist die Verbindung von Indikatoren, also Quantität, und Gutachtern, also Qualität. Das ist die beste Methode um solche Ausreißer einzufangen, auch wenn man nie mit absoluter Sicherheit verhindern können wird, dass etwas durch das System rutscht. Viel hängt ab von aufgeschlossenen Gutachtern, die den Blick für das Ungewöhnliche haben.

14.02.2007
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Wedig von Heyden ist Generalsekretär des Wissenschaftsrates mit Sitz in Köln, der die deutsche Bundesregierung und die Regierungen der Länder zur inhaltlichen und strukturellen Entwicklung der Hochschulen, der Wissenschaft und der Forschung berät.

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