Kontinent der Geisteswissenschaften

Nur keine Berührungsangst!

Interview mit Walter Hinderer

Weshalb ein Astrophysiker durchaus als Goethe-Experte taugen kann. Der Germanist Walter Hinderer spricht im Interview über seinen Austausch mit Naturwissenschaftlern und über das Selbstverständnis seiner Disziplin an der amerikanischen Eliteuniversität Princeton.

Kosmos: Viele Ihrer Kollegen fühlen sich unter Rechtfertigungsdruck, wenn es wie jetzt im deutschen Jahr der Geisteswissenschaften heißt: "Zu was nützt eure Arbeit eigentlich?" Kennen Sie diese Frage auch aus den Vereinigten Staaten?
Hinderer: Nein, solche Fragen stellt man dort nicht. Sie führen auch zu nichts. Der Nutzwert hängt ja oft an einer industriellen Verwertung. Und die bieten eben meist nur die Naturwissenschaften.

Kosmos: Hier die nützlichen Naturwissenschaften, dort die zweckfrei schwebenden Geisteswissenschaften?
Hinderer: Ich glaube nicht an diese Trennung. Als ich studierte, waren viele bekannte Naturwissenschaftler zugleich Philosophen. Jemand wie der Physiker und Nobelpreisträger Werner Heisenberg war stolz darauf, einen breiten Kreis mit seinen Fragestellungen zu erreichen. Das hat auf die Geisteswissenschaften zurückgewirkt und umgekehrt. Heute ist das in Deutschland leider nicht mehr der Fall.

Kosmos: In den Vereinigten Staaten dagegen schon?
Hinderer: In Princeton jedenfalls ist es so. Nehmen wir unsere derzeitige Präsidentin, Shirley Tilghman, eine international renommierte Molekularbiologin. Sie setzt sich nicht nur für die Naturwissenschaft en ein, sondern ebenso energisch für die Humanities und die Künste, wahrscheinlich stärker, als dies ein Vertreter der Humanities selbst tun würde. Das ist paradigmatisch für das gegenseitige Interesse und den interdisziplinären Austausch in Princeton. Unsere überschaubare Größe macht dies natürlich leichter. Hier kennt jeder jeden. 

Kosmos: Was haben Sie als Germanist und Ihre Kollegen aus der Naturwissenschaft sich zu sagen?
Hinderer: Das kommt ganz auf das persönliche Interesse an. Nehmen wir den Nobelpreisträger Joe Taylor, unseren ehemaligen Fakultätsdekan. Er hat mir bei einem Besuch von neuen Entdeckungen in der Astrophysik erzählt und fragte mich, an was ich im Moment arbeite. Ich berichtete kurz von den naturwissenschaftlichen Exkursen Goethes, die ihm aber nicht unbekannt waren. Als ich dann wenig später im Goethejahr 1999 eine internationale, interdisziplinäre Konferenz über Goethe organisierte, hielt Joe Taylor den Einführungsvortrag. Meine Kollegen aus Deutschland waren schwer beeindruckt von ihm, und einer meinte gar: "So etwas hätte ein deutscher Nobelpreisträger der Physik nicht gekonnt." 

Kosmos: Umgekehrt hat auch Ihre Disziplin keine Berührungsängste, etwa mit unwissenschaftlichen Themen. Nicht umsonst bezeichnen Sie sich als Scholar und nicht als Scientist, die Geisteswissenschaften führen als Humanities and Arts statt der Wissenschaft die Künste mit im Namen ... 
Hinderer: ... weshalb beispielsweise das Fach Creative Writing dazugehört, mit Schriftstellern als Professoren, etwa die Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison oder die bekannte Schriftstellerin Joyce Carol Oates. Auch unser finanzstarker Council of Humanities lädt nicht nur Universitätsprofessoren ein, sondern besonders auch bildende Künstler, Schriftsteller, Komponisten oder Theaterleute. Auch Historiker, Politologen und Ökonomen arbeiten in Princeton eng zusammen, etwa in der Woodrow Wilson School of Public and International Affairs, die sich die Ausbildung der künftigen politischen Elite zur Aufgabe machte.

Kosmos: Das offene Selbstverständnis allein macht das paradiesische Dasein als Germanist in Princeton aber nicht aus. Ihre Kollegen weltweit beneiden Sie um Ihre großzügigen Budgets.
Hinderer: Sicher, neben der anderen Tradition und Kultur verfügt jede amerikanische Privatuni über ein dickes finanzielles Polster, das Endowment. Auf dem ließe sich gut ruhen. Aber - und jetzt kommt wieder die Mentalität ins Spiel - man ruht eben nicht! Sondern betreibt intensiv Fundraising und Alumnipflege. Deshalb fließt immer wieder frisches Geld in die Forschung, und hiervon profitieren die Humanities genauso wie die anderen Fächer.

Interview: Georg Scholl


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Walter Hinderer Walter Hinderer

Professor Dr. Walter Hinderer lehrt Neuere Deutsche Literatur an der Princeton University in den Vereinigten Staaten und erhielt 1999 den Humboldt-Forschungspreis. im Rahmen einer Wiedereinladung im Frühjahr 2007 untersuchte er an der Universität Heidelberg den Einfluss von Schelling auf Goethe. Im Auftrag der Friedrich-Naumann-Stiftung hat er jüngst die Studie "Die deutsche Exzellenzinitiative und die amerikanische Eliteuniversität" verfasst.

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