Wissenschaft und Politik

Wir sollten uns nicht mit Amerika vergleichen

Interview Neville Alexander

Als Widerstandskämpfer gegen das Apartheidregime war er gemeinsam mit Nelson Mandela auf Robben Island inhaftiert. Heute gilt der Erziehungswissenschaftler Neville Alexander als einer der wichtigsten Intellektuellen und Bildungsexperten Südafrikas. Ein Gespräch darüber, was Wissenschaft und Politik verbindet und welches Bildungssystem Südafrika braucht, um international wissenschaftlich konkurrieren zu können.

Kosmos: Herr Professor Alexander, Ende der fünfziger Jahre kamen Sie als Humboldt-Forschungsstipendiat nach Tübingen. Nach mehr als zwei Jahren in der heilen Welt des deutschen Wirtschaftswunders kehrten Sie zurück nach Südafrika und kämpften gegen die Apartheid. Welche Rolle spielten Ihre Erfahrungen in Deutschland?

Alexander: Ich habe in Deutschland erlebt, dass eine dem Rassenprinzip verfallene Gesellschaft sich zu einer demokratischen Gesellschaft wandeln kann. Während des Kampfes gegen die Apartheid hatte ich dieses Vorbild immer vor Augen.

Kosmos: Nach dem Massaker von Sharpville 1960 gründeten Sie eine Guerillabewegung. Vom politischen Wissenschaftler wurden Sie zum politischen Kämpfer. Ein radikaler Wechsel ...

Alexander: ... den ich nicht als solchen gesehen habe. Ich war ja schon immer politisch engagiert, als junger Student in Kapstadt und in Deutschland auch. Der Übergang zur Guerilla war für mich kein radikaler, sondern ein konsequenter Schritt. Hätte ich ihn umgehen können, hätte ich das bestimmt getan. Aber die Apartheid und das repressive System ließen mir keine Wahl. Der gewaltfreie Widerstand war an eine Grenze gekommen. Vielleicht habe ich mich nicht trotz, sondern gerade wegen meiner wissenschaftlichen Ausbildung für diesen Weg entschieden.

Kosmos: Was prädestiniert einen Wissenschaftler für den politischen Widerstand?

Alexander: Ich glaube, dass die Beziehung zwischen Wissenschaft und Politik ganz selbstverständlich ist, dass Wissenschaft wie Politik zwingend etwas mit Ethik zu tun haben. Die soziale Verantwortung der Wissenschaft überhaupt und des einzelnen Wissenschaftlers lassen sich nicht leugnen. Bei mir jedenfalls waren Ethik und der Glaube an Gerechtigkeit ein starker innerer Antrieb - sowohl als politischer Mensch als auch als Wissenschaftler.

Kosmos: Heute gilt Ihr politisches Engagement der Bildung. Sie sind Leiter von PRAESA, dem "Project for the Study of Alternative Education in South Africa". Was steckt dahinter?

"Wir wollen erreichen, dass jeder Südafrikaner mit seiner Muttersprache vollen Zugang zum Bildungssystem erhält."

Alexander: Es geht um Chancengleichheit unabhängig von der Herkunft und Muttersprache. Wir wollen erreichen, dass jeder Südafrikaner mit seiner Muttersprache vollen Zugang zum Bildungssystem erhält. Das ist nicht selbstverständlich bei zehn verschiedenen Sprachen in einem Land. Daneben soll die Zweisprachigkeit ausgebaut werden. Neben seiner Muttersprache soll jeder auch in Englisch ausgebildet werden. Dieses bilinguale Erziehungssystem soll sich durch alle Ebenen ziehen: vom Kindergarten bis zur Universität.

Kosmos: In Zeiten internationaler Bildungsrankings diskutiert man in vielen Ländern weniger über die Chancengleichheit als über die Förderung von Eliten. Ist Südafrika eine Ausnahme?

Alexander: Nun, wir nehmen solche Vergleiche durchaus aufmerksam wahr. Den Anspruch oder zumindest das Ziel, ein Erste- Welt-Land zu sein, gibt es natürlich in Südafrika. Aber die meisten, die sich ernsthaft damit auseinandersetzen, wissen, dass wir uns mit Europa oder den USA zurzeit nicht vergleichen können - vielleicht sogar nicht vergleichen sollten.

Kosmos: Warum nicht?

Alexander: Natürlich sollten wir versuchen, mit anderen Eliten auf der Welt zu konkurrieren. Aber wir dürfen darüber nicht aus den Augen verlieren, wo die Grundlagen für wissenschaftliche Leistungen eigentlich entstehen. Wir müssen uns zunächst auf den Aufbau eines neuen Bildungssystems konzentrieren, an dem alle Teile der Bevölkerung teilhaben können. Von dieser Einsicht und von diesem Willen spüre ich nicht genügend in Südafrika. Ich glaube, Politiker denken zu kurzfristig. Fünf Jahre, bis zur nächsten Wahl - darüber reicht der Blick oft nicht hinaus. Dabei brauchen wir eine viel langfristigere Bildungs- und Wissenschaftspolitik.


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Neville Alexander Neville Alexander

Professor Dr. Neville Alexander lehrt Erziehungswissenschaften an der Universität Kapstadt. Als Humboldt-Forschungsstipendiat war er unter anderem von 1958 bis 1961 und von 1978 bis 1979 an den Universitäten in Tübingen und Hannover.

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