Deutschland im Blick

Hurra, wir sind Dritter!

Von Débora Gozzo

Als Brasilianerin weiß man, wie man Fußballfeste feiert. Doch man lernt nie aus. Wie ausgerechnet die WM in Deutschland zur Fortbildungsreise in Sachen Fußballfreude wurde. Ein Erfahrungsbericht.

Im Sommer 2006 stand Deutschland ganz im Bann der Fußballweltmeisterschaft im eigenen Land. Die Deutschen feierten und zeigten sich so, wie man sie bislang kaum kannte. Für mich war es bereits die dritte WM, die ich in Deutschland erlebte. Die erste war im Jahre 1994. Damals war ich Doktorandin an der Uni Bremen. Das zweite Mal war im Jahr 2002. Im Finale schlug Brasilien die deutsche Mannschaft mit 1:0. Ich erinnere mich gut an diesen Nachmittag. Wir waren zu acht in der Kantine des Max-Planck-Instituts für ausländisches und internationales Privatrecht in Hamburg und schauten uns das Spiel an. Ich war die einzige Ausländerin. Und ich war die Einzige, die für Brasilien war. In der Pause rief ich meine Familie in São Paulo an, um zu erfahren, wie sie das Spiel unserer Mannschaft fand. Als Brasilien das Siegestor schoss, fühlte ich mich glücklich! Natürlich war ich in einer schwierigen Lage, denn alle im Raum außer mir waren sehr enttäuscht. Ich rief nochmals zu Hause an. Ich musste mein Glücksgefühl unbedingt mit jemandem teilen. Als ich zum Handy griff, fragte mich eine damalige Kollegin: "Warum musst Du immer telefonieren?" Und ich antwortete: "Weil ich das brasilianische Tor feiern möchte." Daraufhin schwieg sie. Und ich konnte endlich in Ruhe telefonieren.

Patriotismus ohne schlechtes Gewissen

Meine dritte WM in Deutschland erlebte ich in diesem heißen und fröhlichen Sommer, der das internationale Deutschlandbild verändern sollte. Dieses Land hat der ganzen Welt gezeigt, wie man friedlich und glücklich feiern kann, auch wenn es nur um den dritten Platz geht. Die Deutschen zeigten, dass sie ohne schlechtes Gewissen stolz auf ihr eigenes Land sein können und dass Patriotismus nicht etwas unbedingt immer Schlimmes sein muss. In den deutschen Zeitungen und Talk-Shows war dies ein großes Thema. All die Menschen, die sich die Farben Deutschlands auf ihr Gesicht gemalt hatten, all die Fahnen, die nicht nur an den Fenstern hingen, sondern auch an Autos zu sehen waren, all die T-Shirts mit der Aufschrift "Deutschland" waren ein Beweis, dass dieses Land reifer geworden ist - dass man sich nicht schämt, Gefühle für das Heimatland zu zeigen.

Die Deutschen haben - vielleicht sogar unbewusst - den Geist einer Weltmeisterschaft begriffen. Denn als die Völker der Welt zum ersten Mal zu den Olympischen Spielen in Athen zusammenkamen, war eines der Ziele, den Kontakt unter den Menschen aus fast jeder Ecke der Erde und verschiedener kultureller Herkunft zu stärken. Natürlich waren der Wettbewerb und zu gewinnen wichtig. Doch es ist nun einmal so, dass man gewinnen kann - was schön ist -, oder verlieren. In diesem Fall heißt es "Kopf hoch" - ein toller Ausdruck! Und das haben die Deutschen beherzigt, als sie mit Lust und Freude zum letzten Spiel ihrer Nationalmannschaft gegangen sind. Sie haben bis zum Ende die Spieler unterstützt, und es war schön, das miterleben zu dürfen.

Während der WM 2006 las ich ein tolles Buch ("Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde" von Friedrich Christian Delius) über die WM von 1954, in der das gerade geteilte Deutschland im Endspiel Ungarn besiegte. Nach dem Krieg mit seinen Verlusten und der Zerstörung sowie dem alle Kräfte fordernden Wiederaufbau des Landes bedeutete der Gewinn den Deutschen sehr viel. Auch in diesem Sommer gewann Deutschland mehr als nur ein paar Fußballspiele. Wenn man bedenkt, was alles in den Zeitungen vor den Spielen über no-go areas für ausländische Gäste und die Gefahr ausländerfeindlicher Übergriffe geschrieben wurde, war es schon überraschend, wie friedlich dieses Spektakel mit Millionen von Besuchern in ganz Deutschland verlief. Ist das nicht auch ein Sieg, der gefeiert werden sollte?

„Dieses Land hat der ganzen Welt gezeigt, wie man friedlich und glücklich feiern kann, auch wenn es nur um den dritten Platz geht.“

All dies machte die WM für mich als Brasilianerin, die schon seit vielen Jahren nach Deutschland kommt, zu einer besonderen Erfahrung. Hier wurde gefeiert, als ob man den ersten Platz errungen hätte. Ob in meinem Land, wo man immer sehr gern feiert, insbesondere wenn es um die WM geht, die Brasilianer so wie die Deutschen reagiert hätten? Vielleicht ja, vielleicht auch nein.


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Débora Gozzo Débora Gozzo

Professor Dr. Débora Gozzo lehrt Jura an der Universidade São Judas Tadeu in São Paulo. Als Georg Forster-Forschungsstipendiatin war sie im Jahr 2006 am MPI für ausländisches und internationales Privatrecht in Hamburg tätig.  

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