Meinungen
Was Forscher wirklich wollen
Von Lorenzo Perilli
Bürokratische Reformideen und das Schielen nach falschen Vorbildern gefährden die europäischen Universitäten. Ein Plädoyer für die Besinnung auf klassische Stärken und mehr Vertrauen in den Nachwuchs.
Ruhe, Zeit und Vertrauen. Was Forschung braucht, steckt in diesen Begriffen. Was der wissenschaftliche Alltag verlangt, ist das genaue Gegenteil: Eile, unverzügliche Ergebnisse sowie die Hinnahme misstrauischer Kontrollen. Quantität zählt. Man muss möglichst viel veröffentlichen und sich darum kümmern, mehr und mehr zitiert zu werden. Am Ende werden Publikationen und Zitate einfach zusammengeworfen und ausgezählt. Ob die Qualität der Arbeit nur gering oder gar unbeträchtlich ist, interessiert nicht. Denn wer unter den Auskundschaftungs-Staffeln der europäischen Ministerien könnte das wirklich beurteilen?
Fortschritte in der Wissenschaft, ob in den Geistesoder in den Naturwissenschaften, entstehen oft aus Originalität, aus einer Turbulenz im ruhigen Fluss der Routine. Doch Originalität wurde und wird nicht sofort erkannt und akzeptiert. Es dauert, bis sich neue und ungewöhnliche Ideen durchsetzen. Hätte man, wie heute immer mehr, einen Citation Index oder Impact Factor, also das Prinzip des "Gucken-wir-mal-wie-oftich- zitiert-wurde", angelegt, um den Wert der Arbeiten des jungen Albert Einstein oder Kurt Gödel zu beurteilen, dann hätte ein von ihnen vorgeschlagenes Forschungsprojekt nie eine finanzielle Unterstützung gefunden - und beide hätten auch keinen Platz in der akademischen Welt.
Widerstand gegen die zeitgenössische bürokratische Tendenz zur Abflachung gibt es glücklicherweise noch - doch wie lange? Die Reformen, die die Gesetzgeber in vielen europäischen Ländern einführen wollen oder eingeführt haben, beruhen auf einem Mangel an Kompetenz. Die Methoden, Ziele und Bedürfnisse von Universitäten und Forschern sind unbekannt oder werden missverstanden. Der erste und verhängnisvolle Grundfehler besteht in der Überzeugung, dass ein und dasselbe System für alle Fächer gelten kann und soll. Doch für Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften passen nicht ohne weiteres dieselben Lösungen.Was für die einen sinnvoll ist, kann für die anderen ungünstig sein. Das gilt für die Organisation der wissenschaftlichen Arbeit, die Bewertung der Ergebnisse, ja selbst die Dauer des Studiums. Alle über einen Kamm zu scheren, ist unsinnig. Es gibt geistes-, aber auch naturwissenschaftliche Fächer, in denen man keine berufliche Ausbildung erhält. Man muss auch keine bekommen; dort wird man zum Denken und Überlegen ausgebildet, man lernt, Probleme zu lösen und mit Komplexität umzugehen. Man könnte es Problemwissen nennen, unabhängig davon, ob man mit mathematischen Formeln, mit physikalischen Experimenten oder mit einer altgriechischen Handschrift zu tun hat. Es ist eine Fähigkeit, die heute immer mehr fehlt. An der Universität sollte man die Gelegenheit bekommen, sie zu erwerben. Denn oft wird dies die einzige Gelegenheit sein.
Falsch verstandene Amerikanisierung
Als Rechtfertigung für die meisten Reformideen dient der Verweis auf die Dominanz der Vereinigten Staaten. Das europäische System solle und müsse dem angloamerikanischen angepasst werden. Nur wer die amerikanischen Verhältnisse nicht kennt, kann diese These vertreten. Denn ein einheitliches amerikanisches System existiert als solches nicht. Dennoch kann man viel von den Amerikanern lernen - und aus der eigenen europäischen Geschichte: In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts waren die amerikanischen Universitäten für die Mehrheit der Studenten kaum mehr als eine bessere Sekundarschule. Niemand wäre damals auf die Idee gekommen, demgegenüber die Exzellenz der deutschen Universität zu bestreiten. Die rasante Aufholjagd vieler (aber bis heute beileibe nicht aller) amerikanischer Universitäten gelang auch deshalb, weil man einen roten Teppich für die besten europäischen Kräfte ausrollte. Amerikanische Universitäten hatten die Tüchtigkeit und Weitsicht, Nutzen aus der Ausbildung der Europäer, und damit aus europäischen Schulen und Universitäten, zu ziehen. Die Amerikaner boten das Umfeld, die Europäer die Köpfe.
Es läge für Europa nahe, den eigenen Talenten und Spitzenleuten ebenfalls einen roten Teppich auszurollen und einen dem amerikanischen ähnlichen Rahmen anzubieten: ein fruchtbares Umfeld, Öffnung und Aufgeschlossenheit, Chancen,Vertrauen und - das verbotene Wort muss fallen - Geld, das heißt "dramatisch höhere Ausgaben für Forschung und Bildung", wie der seit langem in den USA lebende deutsche Historiker Sven Beckert in der letzten Ausgabe dieser Zeitschrift forderte.Doch was haben sich die europäischen Entscheidungsträger ausgedacht? Sie ändern und verschlechtern, was unterm Strich gute Resultate erzielt hat, nämlich unsere Studiengänge und unsere Universitäten. Das nennt sich dann Modernisierung. Unverändert dagegen bleibt das, was nicht funktioniert und was fehlt, nämlich jenes fruchtbare Umfeld. Statt den Fähigkeiten Raum zu geben,werden Hindernisse in den Weg gelegt.
Der Wahn der Bürokraten
Das haben die Besten unter den Studenten schnell erkannt. Sie wissen, dass sie mit dem neuen System einer wahren Ausbildung beraubt werden. Es kann nur schaden, Studiengänge zu verkürzen, Prüfungen leichter zu machen oder gar die Zahl der zu lesenden Seiten im Voraus festzulegen. Das Beispiel Italien: Vorlesungsreihen heißen dort jetzt Module - ein Name, aus dem der bürokratische Wahn spricht. Italienische Studenten müssen innerhalb von drei Jahren 30 so genannte Modul-Prüfungen bestehen, dazu eine kurze Hausarbeit. Wegen der schieren Masse der Veranstaltungen können sie in den einzelnen Modulen kaum etwas lernen. Die Studenten sind wider den eigenen Willen zu Kunden einer Angebotsvielfalt geworden, die sich an der bunten Warenwelt moderner Einkaufszentren orientiert. Das Gegenteil ist sinnvoll.Non multa sed multum - nicht vielerlei, sondern viel! Eine bessere Universität schafft man eben nicht, indem man Fächer aufsplittet und geistig entleert, sondern indem man Studierenden die Gelegenheit gibt, zu untersuchen, zu überlegen, zu beurteilen - in einem Wort: zu denken.Nur so entstehen Reife, Selbstvertrauen und der Wunsch weiterzugehen.Nur von solchen Studenten kann die Gesellschaft etwas erwarten.
Dasselbe gilt für die Forschung. An einer Universität oder Forschungseinrichtung zu arbeiten, bedeutet heute allzu oft, Berichte zu schreiben und Zeit und Energie in einer bis vor kurzem Wissenschaftlern weitgehend unbekannten Tätigkeit zu verschwenden: das Erfinden glaubwürdiger Projekte. Der Autor kennt zahlreiche Kollegen, die Projekte erfinden mussten, die sie überhaupt nicht brauchten.Was sie aber brauchten, war Geld, um ihre Tätigkeit weiterführen zu können, und um junge Mitarbeiter zu bezahlen. Dass Projekte, um förderungswürdig zu sein, Partner brauchen, ist ein weiterer Irrtum, dem die Mehrheit der Geisteswissenschaften und nicht wenige Naturwissenschaften anhängen. Teamarbeit an gemeinsamen Projekten eignet sich nicht für alles und jeden.Vor allem die geisteswissenschaftliche Arbeit ist immer eine individuelle Tätigkeit gewesen, die aus geduldigem Überlegen und viel allein beim Studium in Bibliotheken verbrachter Zeit besteht. Doch nach der langwierigen Vorbereitung eines Projekts, der Antragstellung, der Fertigstellung der Berichte und des Kostenplans sowie nach zahlreichen Briefen an Kollegen bleibt für diese bedrohte Art unter den wissenschaftlichen Tätigkeiten, das individuelle Nachdenken und Forschen sowie die anstrengende Suche nach dem richtigen Weg, nicht mehr viel Zeit übrig.
"Wissenschaftler verschwenden ihre Zeit mit dem Erfinden von Projekten, die sie in Wirklichkeit gar nicht brauchen."
Als Rechtfertigung für die meisten Reformideen dient der Verweis auf die Dominanz der Vereinigten Staaten. Das europäische System solle und müsse dem angloamerikanischen angepasst werden. Nur wer die amerikanischen Verhältnisse nicht kennt, kann diese These vertreten. Denn ein einheitliches amerikanisches System existiert als solches nicht. Dennoch kann man viel von den Amerikanern lernen - und aus der eigenen europäischen Geschichte: In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts waren die amerikanischen Universitäten für die Mehrheit der Studenten kaum mehr als eine bessere Sekundarschule. Niemand wäre damals auf die Idee gekommen, demgegenüber die Exzellenz der deutschen Universität zu bestreiten. Die rasante Aufholjagd vieler (aber bis heute beileibe nicht aller) amerikanischer Universitäten gelang auch deshalb, weil man einen roten Teppich für die besten europäischen Kräfte ausrollte. Amerikanische Universitäten hatten die Tüchtigkeit und Weitsicht, Nutzen aus der Ausbildung der Europäer, und damit aus europäischen Schulen und Universitäten, zu ziehen. Die Amerikaner boten das Umfeld, die Europäer die Köpfe.
Sinnvolle Reformen liegen auf der Hand: Man muss mehr Personen fördern und weniger Projekte. Und man muss gerade jüngeren Wissenschaftlern mehr Vertrauen, Geld und Chancen geben, ohne dafür etwas anderes zu verlangen als Einsatz und Hingabe. Vertrauen kommt vor Evaluieren. Vertrauen zu gewähren, bedeutet verantwortlich zu machen. So können junge Menschen wissenschaftlich und kulturell weiterkommen, so werden sie, in späterer Zeit, anderen dasselbe Vertrauen und Wissen weitergeben, das sie bekommen und erworben haben. Ein junger Wissenschaftler, der Vertrauen in sich und seine Arbeit spürt und dem eine Perspektive gegeben wird, ist eine sichere Investition in die Zukunft nicht nur seines Fachs, sondern auch der Gesellschaft.
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