Kontinent der Geisteswissenschaften

Außenansichten: Willkommen im Garten Eden

Von Regina Krieger

Als selbstkritisch gelten sie, die Deutschen. Germanisten und Historiker machen hier keine Ausnahme - auch und gerade im eigens ihnen gewidmeten Wissenschaftsjahr der Geisteswissenschaften. Zeit für eine Lobrede aus der Perspektive ausländischer Wissenschaftler, die sich in Deutschland fühlen wie im Paradies.

Deutschland veranstaltet 2007 das Jahr der Geisteswissenschaften und damit zum ersten Mal nach sieben Jahren ein Wissenschaftsjahr, das nicht einem naturwissenschaftlichen Fach gewidmet ist. Was von außen betrachtet eher merkwürdig erscheint. Eine kleine Umfrage unter Humboldtianern ergab, dass es woanders keine Wissenschaftsjahre geschweige denn ein Jahr der Geisteswissenschaften gibt. Doch das Feierjahr beschert den deutschen Forschern Aufmerksamkeit, Geld und die notwendigste Ressource: Zeit.

Das Jahr 2007 bietet eine wahre Inflation an Fördermöglichkeiten. Allen voran die Bundesregierung. Rund 64 Millionen Euro sollen bis 2009 in die Projektförderung geisteswissenschaftlicher Forschung fließen, erklärte die Bundesministerin für Bildung und Forschung Annette Schavan, selbst Geisteswissenschaftlerin. Ganz neu im Angebot sind Forschungskollegs, die das Ministerium und die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) ausschreiben. Die Idee basiert auf der Verbindung von kooperativer und individueller Forschung. Die Förderinitiative "Pro Geisteswissenschaften" unterstützt hoch qualifizierte Nachwuchswissenschaftler mit jährlich bis zu zehn "Dilthey- Fellowships" und erfahrene Wissenschaftler mit dem Programm "opus magnum". Dort geht es darum, Forscher bis zu zwei Jahre etwa durch Lehrvertretungen von ihren sonstigen Aufgaben zu entlasten, damit sie sich auf die Abfassung eines großen und originellen wissenschaftlichen Wurfs konzentrieren können. Träger sind die Fritz Thyssen Stiftung und VolkswagenStiftung in Zusammenarbeit mit der ZEIT-Stiftung und dem Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft.

Robert Van Valin
Robert Van Valin, amerikanischer
Linguist und Professor an der
Universität Düsseldorf:
"Vieles ist anders, das meiste besser."
Foto: privat

"Das sind für Forscher paradiesische Zustände", kommentiert der amerikanische Linguist Robert Van Valin, Humboldt-Forschungspreisträger von 2005. Nach Forschungsaufenthalten am Leipziger Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften und am Max-Planck-Institut für Psycholinguistik in Nijmegen, Niederlande, hat er seit dem Sommersemester 2007 den Lehrstuhl für Allgemeine Sprachwissenschaft am Institut für Sprache und Information der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf inne. "Internationale Mobilität wird in den Vereinigten Staaten sehr gefördert, aber es ist nicht immer leicht, nicht nur für ein Stipendium, sondern für eine feste Stelle in ein anderes Land zu wechseln", sagt der Experte für role and reference grammar. Seine deutschen Partner hätten sich sehr flexibel gezeigt beim administrativen Wechsel von der University at Buffalo, NY, nach Düsseldorf. Vieles sei anders, das meiste besser: "Die deutschen Max- Planck-Institute sind weltweit erstklassig, etwas Vergleichbares gibt es nicht in den Vereinigten Staaten, wie auch die Sonderforschungsbereiche der DFG."

Krisengerede fehl am Platz

Auch seine ungarische Kollegin Katalin Mady ist froh, in Deutschland zu forschen. Die Humboldt-Forschungsstipendiatin arbeitet am Institut für Phonetik und Sprachliche Kommunikation der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität. Sie untersucht mit Hilfe von Röntgenaufnahmen, wie sich die Zunge bei der Lautbildung bewegt. "Ich finde hier sehr gute Bedingungen für mein Fach", erklärt sie. "In Ungarn bin ich in der Germanistik an einem linguistischen Institut eingebunden, Phonetik gibt es dort nicht als Hauptfach. Mein Problem war: Ich habe nicht das unterrichtet, was ich geforscht habe.".

Diese positive Außenwahrnehmung, das international exzellente Standing der deutschen Geisteswissenschaften, steht in einem merkwürdigen Kontrast zur Selbstbefindlichkeit. Während der Wissenschaftsrat feststellt, "ein allgemeines Krisengerede ist fehl am Platz", weisen Professoren auf die schlechte Betreuungssituation hin - ein Zehntel des wissenschaftlichen Personals muss ein Viertel aller Studenten unterrichten. Geisteswissenschaften sind beliebt, Andrang gibt es vor allem auf die großen Fächer Germanistik, Anglistik und Geschichte. Viel diskutiert wurde an den Universitäten das Ergebnis der ersten Runde der Exzellenz-Initiative: Nur eines von 17 bewilligten Exzellenz-Clustern ging an ein geisteswissenschaftliches Forschungsprojekt: an die Universität Konstanz für das Forschungsvorhaben "Kulturelle Grundlagen von Integration".

„Die deutschen Max-Planck-Institute sind weltweit erstklassig, etwas Vergleichbares gibt es nicht in den USA."

Dazu beklagen viele Professoren einen steigenden Legitimationsdruck. Was sie stört, ist die öffentlich geäußerte Forderung an die Geisteswissenschaftler, einen Nachweis praktischer Nützlichkeit zu erbringen. Der Historiker Rudolf Schlögl, Ordinarius für Neuere Geschichte in Konstanz und Sprecher des siegreichen Exzellenz-Clusters, hat die passende Erwiderung: Nur auf den volkswirtschaftlichen Zugewinn zu schauen, "wäre für die moderne Gesellschaft eine Katastrophe. Sie braucht eine Identität, muss wissen, wie sie beschaffen ist. Dazu leisten die Geisteswissenschaften einen unabdingbaren Beitrag. Ohne eine methodisch geordnete, wissenschaftliche Selbstbeobachtung lässt sich so viel Verschiedenheit und Komplexität, wie eine globalisierte Ökonomie unserer Gesellschaft zumutet, nicht stabilisieren".

Alan Kirkness
Sensationsfund nach wissenschaftlicher
Detektivarbeit: Der Germanist Alan Kirkness
aus Neuseeland entdeckte verschollene
Ausgaben des Grimmschen Wörterbuchs.
Foto: privat

Ein Perspektivwechsel bestätigt die Diagnose. Die russische Forscherin Natalia Filatkina startete im Juli am Fachbereich Germanistik der Universität Trier ein Forschungsvorhaben, das exakt den Vorstellungen Schlögls entspricht: Ihre Pionierarbeit verspricht neue interdisziplinäre Erkenntnisse und wird einem nicht-wissenschaftlichen Publikum einen Teil der Kulturgeschichte näher bringen. Sie untersucht formelhafte Redewendungen im Deutschen wie z.B. "eine Straftat begehen" oder "jemandem aufs Dach steigen" und will herausfinden, auf welchen sozialen, historischen und kulturellen Zusammenhängen diese sogenannten Phraseologismen beruhen und welche Schlüsse sich auf moderne Sprache ziehen lassen. Sie baut eine Datenbank auf, ein elektronisches Korpus mit Texten, und verbindet dafür historische Sprachwissenschaften und Technologien der metasprachlichen Auszeichnung von Daten. Für ihre Forschungsarbeit hat sie den Sofja Kovalevskaja-Preis der Humboldt-Stiftung bekommen, mit bis zu 1,2 Millionen Euro einer der höchstdotierten Preise in Deutschland, der es ihr nun ermöglicht, vier Jahre lang mit einer eigenen Forschergruppe zu arbeiten. Ist es ein Vorteil, eine andere Sprache, nicht die eigene, zu untersuchen? "Ich glaube schon", sagt die Germanistin. "Eine gewisse Distanz zur Sprache ermöglicht eine andere Perspektive und einen schärferen Blick. Einem nicht-muttersprachlichen Forscher fällt vielleicht etwas auf, was andere nicht sehen."

"Die Außenperspektive wirft immer erhellendes Licht auf das Eigene, Vertraute, Bekannte und verfremdet dieses meines Erachtens in einer notwendigen Weise", sagt auch der neuseeländische Germanist Alan Kirkness. Er hält internationale Mobilität für unabdingbar, sieht aber auch die Grenzen: "In den Geisteswissenschaft en gibt es immer und naturgemäß Sprachbarrieren, die effektiv nur von einzelnen Forschern oder Wissenschaftlern überwunden werden. Diese Sprachbarrieren sind zugleich Kulturbarrieren. Mit Englisch (allein) kommt man hier nicht fundiert weiter, da geht die Essenz immer verloren.

Kirkness hat vor einem Jahr eine sensationelle Entdeckung gemacht. In der Krakauer Jagiellonen-Bibliothek fand er neun mit handschriftlichen Notizen versehene Bände des Deutschen Wörterbuchs von Jacob und Wilhelm Grimm, die seit dem Zweiten Weltkrieg als verschollen galten. 30 Jahre habe er nach den Bänden gesucht, berichtet Kirkness von seiner wissenschaftlichen Detektivarbeit. Er ist ein echter Grenzgänger, studierte in Auckland und Zürich, promovierte in Oxford, war als Humboldt-Forschungsstipendiat in Heidelberg, arbeitete am Institut für Deutsche Sprache in Mannheim und kam als Grimm-Experte an die Berliner Humboldt-Universität. "Die menschlichen Kontakte im Interesse einer wissenschaftlichen Sache sind es, die ich am meisten schätze und die Forschungsaufenthalte in Deutschland so verlockend und attraktiv machen", lautet sein Fazit - ähnlich äußern sich die anderen Gastforscher -, "vom Forschen in Deutschland kann ich nur Positives berichten."

Das sagen natürlich nicht nur Geisteswissenschaftler. Doch kann der Blick von außen gerade ihnen helfen, Krisengerede und Legitimationsdruck zu überwinden. Treffend hat der Soziologe und Friedenspreisträger Wolf Lepenies den unbestreitbaren magic moment skizziert: Wenn er an die Geisteswissenschaften denke, komme ihm Alfred Hitchcocks "Eine Dame verschwindet" in den Sinn, sagte er bei der Eröffnung des Wissenschaftsjahres in Berlin. In dem Film von 1938 verschwindet während einer Zugreise ganz plötzlich eine altmodische, etwas schusselige Dame, die immer wieder eine eigentümliche Melodie pfeift . "Während wir ihr Los bedauern, hören wir auf einmal wieder ihre Melodie, an Orten, an denen wir sie nie vermutet hätten, sie entpuppt sich als Muster an Geistesgegenwart, und mit einem Augenzwinkern lässt sie uns wissen, was wirklich geschah, als wir dachten, sie sei für immer fort und wir würden sie nie wiedersehen."


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Regina Krieger Regina Krieger

Regina Krieger ist Journalistin und schreibt für die deutsche Wirtschaftszeitung Handelsblatt. Sie ist dort für die Seite Sozial- und Geisteswissenschaften verantwortlich.

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