Kontinent der Geisteswissenschaften

Innenansichten: In der Forschung hui, in der Lehre pfui

Von Ulrich Herbert

Mit seinen Empfehlungen zur Lage der Geisteswissenschaften in Deutschland hat der Wissenschaftsrat Stärken und Defizite klar benannt und Vorschläge für Verbesserungen gemacht.

Die Geisteswissenschaften in Deutschland stehen in der Forschung und in der damit eng verbundenen Qualifikation des wissenschaftlichen Nachwuchses sehr gut da - auch im internationalen Vergleich. Das ist das Fazit der 2006 veröffentlichten Empfehlungen des Wissenschaftsrates über die Lage der Geisteswissenschaften in Deutschland. Die Dichte der universitären Fakultäten, der Bibliotheken, Museen und Forschungseinrichtungen ist außerordentlich; die Qualität der Forschungen entspricht einem sehr hohen Standard. In den Kunst- oder Altertumswissenschaften gehören die deutschen Forscher zweifellos zu den weltweit führenden, das gilt in gleichem Maße für die Archäologie, einen Teil der Philologie und der Geschichtswissenschaft. Bemerkenswert auch im internationalen Vergleich ist aber vor allem die Breite und Vielfalt der kleineren geisteswissenschaftlichen Disziplinen an deutschen Universitäten. Hinzu kommt eine enorme Zahl an außeruniversitären Einrichtungen, in denen überwiegend oder zum Teil geisteswissenschaftliche Forschung betrieben wird: Der Wissenschaftsrat hat allein rund 80 größere Institutionen gelistet.

Auch die Förderung der Geisteswissenschaften durch engagierte private Stiftungen, durch das Akademienprogramm, vor allem aber durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) ist ein bemerkenswertes Kennzeichen. Die Förderung durch die DFG hat über den materiellen Nutzen hinaus auch einen wichtigen symbolischen Wert: Hier werden die geisteswissenschaftlichen Disziplinen als Wissenschaft unter Wissenschaften wahrgenommen und nicht als gewissermaßen außerwissenschaftliche Humanities. Die Geisteswissenschaften können so Geltung, Finanzierung und Freiheit gemeinsam mit allen Wissenschaften beanspruchen, und sie können gleichwohl die Unterschiede gegenüber anderen Wissenschaften in dem Maße deutlich machen, wie diese das untereinander auch beanspruchen. Allerdings müssen sie innerhalb der zunehmend wettbewerblich organisierten Universitäten ihre Leistungen auch adäquat darstellen können. Hier liegen unerledigte Aufgaben bei der Bestimmung von Standards und Grundaufträgen der Fächer, aus denen sich Indikatoren für Qualität erst entwickeln können.

Mehr Studenten, weniger Dozenten 

Der Leistungskraft und institutionellen Stabilität der Geisteswissenschaften stehen die unübersehbaren Defizite gegenüber. Sie liegen vor allem in der Lehre und den oft unzumutbaren Bedingungen, unter denen sie stattfindet. Während die Gesamtzahl der Studierenden zwischen 1995 und 2003 kaum zugenommen hat, ist die Zahl der Studierenden in den Geisteswissenschaften seit 1995 um etwa 50 Prozent gestiegen. Dabei blieb die Zahl der Professoren gleich, die der Dozenten insgesamt nahm sogar ab. Unverantwortliche Betreuungsrelationen von durchschnittlich fast 100 Studierenden pro Professor und inakzeptable Abbrecherquoten (2002 im Durchschnitt 45 Prozent in den Geisteswissenschaft en bei 26 Prozent in allen Fächern) sind die Folge - auch steigende Wartezeiten auf eine beruflich adäquate Position nach dem Examen, die derzeit schon bei im Durchschnitt über fünf Jahren liegen. Hier, nicht in der Forschung, liegt die viel beschworene "Krise der Geisteswissenschaften".

Auch die Umstrukturierungen im Rahmen des Bolognaprozesses werden solche Fehlentwicklungen nicht beenden, solange nicht die hierzu notwendigen Kapazitäten zur Verfügung stehen und die politisch gewollte Vermehrung der Zahl der Studierenden auf alle Fächer verteilt und nicht auf die vermeintlich billigen - weil wenig geräteintensiven - Geisteswissenschaften beschränkt wird.

Davon unabhängig ist es unabweisbar, nachhaltige Anstrengungen zur Verbesserung der Lehre in Gang zu bringen. Der Lehre, nicht nur der Lehrbedingungen! Die wissenschaftliche Lehre, wie sie an deutschen Universitäten in den Geisteswissenschaften praktiziert wird, ist noch weitgehend auf die Bedingungen der 1960er- und 1970er-Jahre ausgerichtet, als 15 oder 20 Prozent eines Jahrgangs ein Studium aufnahmen. Mittlerweile sind es bald doppelt so viele. Der Vorschlag des Wissenschaftsrates zur Einführung einer qualifizierten Lehrprofessur soll zur nachhaltigen Verbesserung der Lehrqualität und zur Aufwertung der Lehre als Aufgabe beitragen sowie die Voraussetzungen für eine lehrbezogene Ausbildung aller an der Universität Lehrenden schaffen. Zu den Auswirkungen der Überfüllung gehört auch, dass die Zahl der geisteswissenschaftlichen Professoren, die tatsächlich aktiv forschen, immer geringer wird. Um das zu ändern und die Forschung wieder stärker aus den außeruniversitären Instituten in die Universitäten zurückzuholen, bedarf es einer Forschungsförderungspolitik, welche stärker an der Erlangung von Forschungszeit als an Personal orientiert ist. Die projektbezogene Einzel- oder Verbundförderung soll nach den Vorstellungen des Wissenschaftsrates für die Geisteswissenschaften um "Forschungskollegs" erweitert werden, die es herausragenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus dem In- und Ausland ermöglicht, ein Opus über längere Zeit zu bearbeiten und abzuschließen. Hierauf haben die DFG und das Bundesministerium für Bildung und Forschung bereits reagiert und entsprechende Förderungsprogramme eingestellt.

„Die Zahl der geisteswissenschaftlichen Professoren, die tatsächlich aktiv forschen, wird immer geringer."

Schließlich ist die besondere Situation der sogenannten kleinen Fächer in den Universitäten anzusprechen, deren Zukunft unter wachsendem Profilierungsdruck vielerorts unsicher geworden ist. Vor allem ist Sorge dafür zu tragen, dass nicht die vielfachen Kürzungsentscheidungen, die im Effekt zu Lasten der kleinen Fächer gehen, in der Summe zu irreparablen Schäden in der Kontinuität ganzer Wissenschaften führen. Hier bedarf es einer bundesweiten Clearing-Stelle, welche die Fächerverschiebungen in den Ländern notiert und das Verschwinden ganzer Fächerkulturen verhindert. Bemühungen der Hochschulrektorenkonferenz und der Kultusministerkonferenz gehen in diese Richtung, sind aber bislang noch nicht erfolgreich.

Eine Bilanzierung der Situation der Geisteswissenschaften in Deutschland, welche Leistungen und Defizite klar benennt, mag helfen, jenem Diskurs von der "Krise der Geisteswissenschaften" ein Ende zu bereiten, der seit mehr als 100 Jahren nahezu unverändert fortdauert. Gleich ob dieser Diskurs wohlwollend-karitativ von ihren Liebhabern oder amüsiert-abfällig von ihren Verächtern geführt wird - als generelle "Krise" ist die Situation der Geisteswissenschaften angesichts ihrer konstatierten Leistungen und auch ihrer gesellschaftlich akzeptierten Bedeutung falsch analysiert. Richtig aber ist, dass die Geisteswissenschaften heute keinen politisch-kulturell induzierten Sonderbonus mehr erhalten - sei es als kulturreligiöses Gegengift gegen die schädlichen Einflüsse der Moderne, sei es als "nationale" Wissenschaften wie zwischen Jahrhundertwende und den 1950er-Jahren, sei es als Demokratisierungswissenschaften wie seit den 1960er-Jahren. Nur ohne einen solchen Exklusivitätsanspruch sind die Geisteswissenschaften in erster Linie Wissenschaften - ohne korrumpierende Nähe zu Politik, Nation oder Gesellschaft. Diese Abschiede entlasten die Geisteswissenschaften von notorischer Überforderung und ermöglichen es sowohl, die weltweit einzigartigen Voraussetzungen für geisteswissenschaftliche Forschung in diesem Land zu nutzen, als auch die unübersehbaren Fehlentwicklungen und Defizite auszugleichen.


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Ulrich Herbert Ulrich Herbert

Professor Dr. Ulrich Herbert lehrt Neuere und Neueste Geschichte an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Er ist einer der Autoren der "Empfehlungen zur Entwicklung und Förderung der Geisteswissenschaften in Deutschland" des Wissenschaftsrates, der die deutsche Bundesregierung sowie die Regierungen der Bundesländer in forschungspolitischen Fragen berät:

www.wissenschaftsrat.de

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