Deutschland im Blick

Raus aus dem Bus, rein in den Bus

Von Martin A. Hainz

Ein Reisebus, 30 Humboldtianer aus aller Herren Länder und knapp zwei Wochen Zeit, um ein Dutzend deutsche Städte und ihre Bewohner kennenzulernen. Impressionen einer Studienreise.

Foto: Gábor Eröss

Ganz Deutschland in zehn Tagen – selbst in Zeiten des global village erweist sich die rasche Erkundung schon eines Landes als nicht ganz einfach, besonders im Falle Deutschlands: „Die Abweichungen dieses Landes sind so groß, daß man nicht weiß, wie man so verschiedenartige Religionen, Regierungsformen, Clima’s, ja Völker unter einen und denselben Gesichtspunct bringen soll“, schrieb vor rund 200 Jahren die französische Schriftstellerin Madame de Staël, was, von den Regierungsformen einmal abgesehen, bis heute durchaus Gültigkeit hat. Im letzten Sommer waren wir eine der Gruppen, die als Stipendiaten der Alexander von Humboldt-Stiftung Deutschland auch abseits ihrer Forschungsstandorte kennenlernen durften. Wir reisten zu kulturell bedeutenden Städten, wobei auch verschiedene Temperamente, Architekturen, Dialekte und Selbstverständnisse zu bewundern waren. Und manchmal waren wir froh, wenn es abends die Möglichkeit gab, nichts zu tun, weil wir zwei Tage an einem Ort bleiben konnten – für Köln hingegen wurden uns nur fünf Stunden zugestanden.

Den Anfang machte Weimar, wo das bürgerliche Selbstverständnis, verbunden mit literarischem Selbstbewusstsein, einen Aufbruch bis heute spüren lässt – was Goethe und noch mehr wohl Schiller dann auch mit späteren Traditionen der Stadt verbindet, so jener des Bauhaus. Wir waren beeindruckt. Die Wohnhäuser von Schiller und Goethe, der Cranach-Altar, Spuren Herders, eine Erstausgabe von Kants „Kritik der reinen Vernunft “, dann Würde und Modernität vereint in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek, was wollte man mehr? Zeit, natürlich, aber ansonsten? Selbst die amerikanischen Kollegen, die die Naturwissenschaften vertraten, fanden den McDonald’s hier fehl am Platze.

Bamberg
Bamberg
Foto: Gábor Eröss

Wir reisten – wie jeden Tag – viel zu früh ab, denn wir wären gerne noch Tage geblieben, so auch in Bamberg. Der wunderschönen, wie durch ein Wunder recht vollständig erhaltenen Altstadt konnten wir alle etwas abgewinnen, der Bamberger Reiter wurde gebührend bestaunt; Klein-Venedig durchmaßen wir, liefen vom Dom zum Parlament der Bürger, freuten uns an den Fachwerkhäusern. Rauchbier war später eine kulinarische Herausforderung, eine kommunikative hingegen, hier veganes Essen für den einen oder laktosefreies für den anderen zu bekommen. Einblicke in die Pharmaindustrie boten den Kontrast.

Zu diesem Zeitpunkt wussten wir, dass Deutschland bunt ist, unsere Gruppe aber auch. Die Stunden im Bus wurden zum interdisziplinären Austausch. Timothy, Altphilologe aus Großbritannien, bot, wenn es spät wurde, sogar Gutenachtgeschichten aus der Antike inklusive manchem Exkurs, etwa zu Platons Symposion. Auch gesungen wurde, erst die Hymnen unserer Nationen, später etwa Nick Caves aparte Morbidität „Where the Wild Roses Grow“, wobei Molekularbiologin Kate zeigte, dass sie sich nicht nur mit Reis auskennt, sondern auch musisch begabt ist.

"Deutschland ist bunt, unsere Gruppe aber auch."

Bier („Deutsche können alle Plagen, aber keinen Durst ertragen”, sagt ein Sprichwort) soll hier nicht zum Leitthema werden, aber dann ging es nach München. Das Deutsche Museum wurde von mir als Germanisten völlig unverständig bestaunt, bis – interdisziplinär – die Penrose-Parkettierung und andere Dinge erklärt wurden. Ein Blick auf und sogar in die Frauenkirche, der Besuch im Englischen Garten (unforgettable, man konnte abends dort in einem Pavillon tanzen), der Viktualienmarkt und einige Brauereien standen ebenfalls auf dem Programm. Zuletzt landeten ein paar von uns in einer Disco, wo wir uns alt fühlten, aber unverdrossen feierten. In München wurde allerdings auch der Verbrechen der Nationalsozialisten gedacht, unter anderem bei einem Besuch der Gedenkstätte des Konzentrationslagers Dachau sowie des Denkmals für die Geschwister Scholl. Die Allianz-Arena und das einem Motor nachgestaltete BMW-Hauptquartier sahen wir aus dem Bus.

Eine Zwischenstation war Rothenburg, wo wir durch Wehrgänge irrten, Spezialitäten kosteten und Weihnachtliches (oder das, was als weihnachtlich feilgeboten wurde) kauften. Es folgte Würzburg mit Schloss und Hofgarten sowie Zeit zum Durchatmen beim Flanieren. Der Tourguide betonte nach Zeigen und Erklären der Deckengemälde im Schloss als einem Weltherrschaftsanspruch in Farben, dass man bei aller Pracht aber nicht mit Wien konkurrieren könne; was mein Akzent doch so auslöst …!

Altbier bestellen in Köln – ein klassischer Fehler

Es folgten Bonn und dann Köln. Wir sahen den Heinzelmännchenbrunnen, bekamen eine Führung durch den Dom und fielen in die verschiedenen Museen ein. Zur Abrundung gab es Kölsch von einem Kellner, der uns, weil er uns für ausschließlich englischsprachig hielt, auf Deutsch beleidigte. Vielleicht hätte die Kollegin kein Altbier bestellen sollen …. Münster, Bremen, Hamburg, Lübeck – Stadt um Stadt, es war für jeden etwas dabei.

Weimar
Weimar
Foto: Gábor Eröss

Und wie sind nun die Deutschen? Bei allen Unterschieden von Stadt zu Stadt sind sie doch durch einige Eigenschaften miteinander verbunden. Sie sind zuallererst freundlich, was nicht alle in der Gruppe verstanden. Denn die Sonderwünsche wurden oft mit soviel gutem Willen erfüllt, dass sie eigentlich nicht erfüllt waren – veganes Essen mit Käse gratiniert, damit es doch gut schmeckt, war ein Dauerproblem. Aber man war mit der Ungeduld unserer Gruppe auch sehr geduldig. Faszinierend war auch, dass benachbarte Regionen Deutschlands das jeweils Gemeinsame nicht wahrhaben wollen. Gut, als „Ösi“ kennt man das, Deutsche und Österreicher sind bekanntlich durch die gemeinsame Sprache getrennt. Und alle Deutschen scheinen partout vor allem eines sein zu wollen, nämlich nicht typisch deutsch.

Wir haben viel gesehen und gelernt. Erfüllte Tage gingen schließlich zu Ende, Melancholie machte sich breit, im Bus wurde in den letzten Stunden plötzlich wieder mehr gelesen. Wir versprachen einander, in Kontakt zu bleiben. Freundschaften waren entstanden, sie werden bleiben sowie zahllose Anregungen durch andere Länder und Fächer – und die Erinnerung an die Gastfreundschaft Deutschlands. All das zeitigte momentan, aber auch nachhaltig jene „intellectuelle Einheit(,) die feste Stütze jeder Kraftäußerung ist“, wie es im Kosmos Alexander von Humboldts heißt.


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Martin A. Hainz Martin A. Hainz

Dr. Martin A. Hainz lehrt Germanistik an der Universität Wien. Als Humboldt-Forschungsstipendiat ist er von 2008 bis 2010 an der Freien Universität Berlin.

Gábor Eröss Gábor Eröss

Dr. Gábor Eröss ist Soziologe an der Ungarischen Akademie der Wissenschaften. Seit April 2008 forscht er als Humboldt-Forschungsstipendiat an der Humboldt-Universität zu Berlin. Gábor Eröss machte die Fotos während der Studienreise.

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