Deutschland im Blick

Wie ausländische Wissenschaftler Deutschland sehen

Jedes Jahr kommen rund 600 ausländische Forscherinnen und Forscher als Stipendiaten der Humboldt-Stiftung nach Deutschland, um für ein bis zwei Jahre mit hiesigen Kollegen zusammenzuarbeiten. Am Ende des Aufenthalts befragt die Stiftung die Wissenschaftler zum Erfolg dieser Zusammenarbeit und zu ihrer Einschätzung der Internationalität Deutschlands und seiner Forschung. Auch die deutschen Gastgeber bewerten in einem Fragebogen, wie zufrieden sie mit der Kooperation waren.

Für die aktuelle Auswertung wurden die Fragebogen von rund 1 700 Humboldtianern und über 1 200 Gastgebern aus den Jahren 2007 bis 2010 analysiert. So entstand ein repräsentatives Bild vom internationalen Forschungsstandort Deutschland aus der Sicht von ausländischen Wissenschaftlern aus über 90 Nationen und allen Fachgebieten. Die folgende Auswertung fasst die wichtigsten Befunde zusammen. Die Zitate stammen aus den Erfahrungsberichten der Humboldtianer und Gastgeber und stehen stellvertretend für viele andere Antworten und Kommentare, seien sie positiv oder negativ. Sie sind statistisch nicht repräsentativ, sondern ergeben vielmehr ein authentisches Bild von der Vielfalt der Eindrücke, die die Stipendiaten vor dem Hintergrund ihrer individuellen Lebensumstände und Karrieresituationen gesammelt haben.

Die Zufriedenheit mit dem Forschungsaufenthalt in Deutschland ist hoch

Foto: Humboldt-Stiftung/Michael
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Über 90 Prozent der Stipendiaten stellten ihrem Gastland ein insgesamt äußerst positives Zeugnis aus und sind an einem erneuten Deutschlandaufenthalt interessiert. 93 Prozent der Stipendiaten bewerteten den Aufenthalt aus wissenschaftlicher Sicht als „sehr gut“ oder „gut“. Bei der Bewertung des Aufenthalts aus kultureller und persönlicher Sicht äußerten sich knapp 90 Prozent der Stipendiaten positiv. Fast alle können infolge des Forschungsstipendiums eine oder mehrere Publikationen veröffentlichen und konnten während ihres Aufenthalts neue wissenschaftliche Ideen entwickeln. Ein Großteil der Stipendiaten besuchte wissenschaftliche Tagungen in Deutschland und Europa (87 Prozent). Auffallend ist der in den freien Kommentaren immer wieder geäußerte Nutzen für die persönliche Entwicklung und die der mitreisenden Familie.


 

Zitate

  • „Es war auch für meine Kinder eine sehr gute Gelegenheit, eine fremde Kultur zu erleben. Mein sechsjähriger Sohn sagt, dass er zukünftig in Deutschland als Paläontologe arbeiten will. Vielleicht beantragt er selbst in 30 Jahren ein Stipendium bei Ihnen. Davor hoffe ich aber natürlich, wieder mit meiner Familie nach Deutschland zu kommen und weiterzuforschen.“
  • „Es war eine wunderschöne Zeit in Deutschland, die meine Karriere verändert hat. Nicht nur durch die neuen wissenschaftlichen Kontakte in Deutschland und Europa. Zuletzt habe ich eine Professur in meiner Heimat bekommen, und ich glaube, das wäre ohne das Humboldt-Stipendium nicht möglich gewesen.“
  • “I had a wonderful time in Germany both academically and personally.”
  • „Das Stipendium hat mir etwas erlaubt, was eigentlich ganz normal sein sollte, aber im normalen Universitätsbetrieb leider so selten ist: Feldforschung machen, diskutieren und lesen. Für diese kostbare Zeit bin ich sehr dankbar. Dieses Jahr in Deutschland wird für meine Veröffentlichungen und für die Entwicklung weiterer Forschungsschwerpunkte in den kommenden Jahren ganz wichtig sein.“

Die Ausstattung und Atmosphäre an deutschen Instituten werden als sehr gut eingeschätzt

Foto: Humboldt-Stiftung/Michael
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70 Prozent der Gastwissenschaftler empfanden die Unterstützung durch den Gastgeber als „sehr gut“. Auch die Arbeitsatmosphäre am Gastinstitut wurde von über 87 Prozent der Stipendiaten als „sehr gut“ oder „gut“ eingeschätzt. Nur 10 Prozent der Stipendiaten meinten, dass die Arbeitsatmosphäre nur „durchschnittlich“ beziehungsweise „ausreichend“ war. Über 80 Prozent der Stipendiaten bewerteten Räume und Ausstattung mit „gut“ oder „sehr gut“. Differenzierte Urteile zeigen sich in den freien Kommentaren, die sich mit den Karriereperspektiven in Deutschland auseinandersetzen oder die die Deutschen ermuntern, weniger selbstkritisch zu sein.


 

Zitate

  • “The quality of research is very high in Germany. However, a lot is expected from scientists and the salaries do not reflect that. Similarly there are very few positions for the high number of young researchers and many people seem to have to either change their profession after completing the PhD or leave Germany. For these reasons Germany is a little less attractive than it could otherwise be.”
  • “In the university there was much talk about competitiveness and excellence. I was struck by the general crisis of confidence about higher education nationwide. But in my own field of Ancient History, German scholars have always been and remain among the leading figures internationally and the libraries are superb. I was in no way disappointed in my experience of working among these scholars. So I encourage the Germans not to despair, but to be alert to much that is already excellent in German universities.”

Die deutsche Forschung profitiert von der internationalen Kooperation

Foto: Humboldt-Stiftung/Michael
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84 Prozent der Gastgeber bewerteten den Beitrag der Kooperation für den Fortschritt der Forschung an ihrem Institut und für die Forschung in Deutschland in diesem Fach als „hervorragend“ oder „gut“. Der Beitrag für die Forschung im Heimatland des Gastes wird von 91 Prozent der Gastgeber als „hervorragend“ oder „gut“ eingeschätzt. Drei Viertel der Gastgeber gaben an, dass Publikationen aus der Zusammenarbeit mit dem Gastwissenschaftler entstanden seien. Ebenso viele gaben an, dass weitere gemeinsame Veröffentlichungen geplant seien.


 

Zitate

  • „(...) ist ein Spitzenwissenschaftler. Die Kontakte zwischen seinem Institut in Brasilien und unserer Gruppe werden bestehen bleiben. Er hat mir auch geholfen, andere Kontakte mit brasilianischen Chemikern zu knüpfen oder zu intensivieren.“
  • „Die Zusammenarbeit war vorzüglich und die Ergebnisse, die sich hieraus ergeben haben und die demnächst noch zu erwarten sind, übertrafen all meine Erwartungen.“
  • „Das Engagement und die Begeisterung von Dr. (…) war sehr bereichernd und erfrischend. Wir haben hervorragende Ergebnisse erzielt und werden auch in Zukunft kooperieren.“

Fachkenntnisse und Integrationsvermögen sind wichtig für den Erfolg

Foto: Humboldt-Stiftung/Michael
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Die Stiftung fragte die wissenschaftlichen Gastgeber in Deutschland, welche Faktoren für die Kooperation hemmend und welche fördernd waren. Zwei Drittel der Gastgeber schätzten bei ihren Stipendiaten vor allem die außergewöhnlich guten Fachkenntnisse und das gute Integrationsvermögen. Einsatzbereitschaft und gute Englischkenntnisse hielten 60 Prozent der Gastgeber für besonders förderlich.

Bei der Frage nach den hemmenden Faktoren wird ein regionaler Trend deutlich. Vor allem Gastgeber von Stipendiaten aus asiatischen Ländern wie China und Japan, aber auch aus Afrika nannten häufiger mangelnde Deutschkenntnisse oder eingeschränktes Integrationsvermögen.

Das Thema Integration zog sich – ob positiv oder negativ – durch viele individuelle Rückmeldungen von Gastgebern und zeigt das besondere Gewicht einer fachlichen, aber auch sozialen Integration, die beide Seiten fordert.


 

Zitate

  • „Die Zusammenarbeit mit Dr. (…) war fachlich hervorragend, kulturell und bezogen auf die Integration in Deutschland allerdings eher mäßig. Gründe waren vor allem mangelnde Sprachkenntnisse und die ausschließliche Konzentration auf die Arbeit, auch am Wochenende. Es war teilweise schwierig, ihn zur Teilnahme an Festen oder Ausflügen zu bewegen. Das mag an der guten Vernetzung seiner Landsleute an der Universität liegen, die lieber unter sich bleiben.“
  • „Dr. (…) war vom ersten Tag seiner Arbeit an ein echtes Mitglied in unserer Gruppe. Sein Integrationsvermögen und seine große Hilfsbereitschaft besonders den vielen kurzzeitigen Gästen gegenüber haben ihn zu einem sehr wertvollen Teammitglied gemacht. Er wird uns allen fehlen, wenn er Ende Juni in Richtung Frankreich abreist.“

Englisch ist die Wissenschaftssprache Nummer eins an den Instituten – mit wachsender Tendenz

Foto: Humboldt-Stiftung/Michael
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Über 84 Prozent aller Stipendiaten verständigten sich problemlos auf Englisch am Gastinstitut. Demgegenüber gaben nur 40 Prozent aller Stipendiaten an, dass sie auch ohne Probleme auf Deutsch am Gastinstitut kommunizieren konnten. Geisteswissenschaftler sprechen zwar zumeist viel besser Deutsch als Naturwissenschaftler, doch auch bei ihnen nehmen die Sprachkenntnisse im Vergleich zu früheren Erhebungen ab.

Auffallend häufig traten Verständigungsschwierigkeiten mit asiatischen Stipendiaten auf. Lediglich 11 Prozent der Stipendiaten aus Ostasien konnten sich ohne Probleme oder fast problemlos auf Deutsch am Gastinstitut verständigen. Ihre deutschen Gastgeber teilten diese Sicht. Bei der Verständigung auf Englisch gab es auch in dieser Gruppe erwartungsgemäß weniger Probleme.

Die Ergebnisse zeigen eine wachsende Bedeutung des Englischen, der die gastgebenden Einrichtungen Rechnung tragen sollten, etwa indem sie Vorlesungen von Humboldtianern auf Englisch ermöglichen. Zugleich wird deutlich, dass auch die deutsche Sprache stärker gefördert werden sollte, um der rückläufigen Bedeutung entgegenzuwirken und die Integration zu fördern.


 

Zitate

  • “At my host institute, English is spoken all the time by everyone. I tried taking a course to learn German, but I found it difficult to keep up with it. I suppose this is because I never had to speak it at work and had relatively few interactions outside of work in which I had to communicate much in German.”

Die Deutschkompetenz im Alltag nimmt immer weiter ab

Foto: Humboldt-Stiftung/Michael
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40 Prozent aller befragten Stipendiaten konnten sich auch im Alltag ohne größere Probleme auf Deutsch verständigen; rund 60 Prozent bevorzugten Englisch. Wie schon in den Instituten zeigt sich für die Stellung des Deutschen auch im Alltag ein negativer Trend. Die Sprachkompetenz nach Fachgruppen ist in erwartbarer Weise verteilt: 70 Prozent der Geisteswissenschaftler hatten kaum Probleme, sich im Alltag auf Deutsch zu verständigen, Naturwissenschaftler zu 30 Prozent und Ingenieurwissenschaftler nur zu 25 Prozent.

Um die kulturelle Integration zu erleichtern und die Stipendiaten als Freunde zu gewinnen, die anschließend ihr Bild von Deutschland verbreiten, sollte verstärkt für das Erlernen der deutschen Sprache geworben werden.


 

Zitate

  • “My abilities to speak German took off very fast. Well, they had to. As soon as I arrived in East Berlin, whenever I asked the indigenous people, if they spoke English, they answered … Ruski.”

Häufig kritisiert: Bürokratie und mangelnde Kinderbetreuung

In den freien Kommentaren äußerten sich die Befragten zu unterschiedlichen Themen, auch zu solchen, die weniger mit dem Forschungsaufenthalt als mit dem Leben in Deutschland allgemein zu tun haben. Kritisiert wurden etwa die vielerorts anzutreffenden Engpässe bei der Kinderbetreuung und auf dem Wohnungsmarkt oder die zumal für Ausländer manchmal nur schwer zu bewältigende Bürokratie. Die Zitate greifen solche Themen, die auch in Deutschland selbst auf Kritik stoßen, auf – ohne den Anspruch auf statistische Repräsentativität oder Objektivität. Denn gerade in den freien Kommentaren machten sich die Befragten oftmals Luft und berichteten von ihren negativen Erfahrungen, etwa mit der deutschen Bürokratie. Wer dagegen mit der Arbeit von Behörden und Verwaltungen zufrieden war oder einfach nur nichts zu beanstanden hatte, erwähnte dies in der Regel nicht gesondert.


 

Zitate

  • “For a researcher with family (wife and child) the first months in Germany can be really annoying. You need a place to live, school, and a lot of papers. You don‘t know how the house rent system works, how the school system works etc. Discovering these things by your own can some times be traumatic.”
  • „Die Verwaltung des Forschungskostenzuschusses hat sich immer wieder als kompliziert herausgestellt. Das liegt nicht an der Humboldt-Stiftung, sondern an der Art und Weise, wie die Universität Projektgelder verwaltet. Um etwa Reisekosten abzurechnen, müssen seitenweise Formulare ausgefüllt werden, das Geld kommt dann irgendwann später.“
  • “I would like to express my admiration for the very organized manner in which the BVG (Berliner Verkehrsbetriebe) conducted its long strike and the well organized alternatives available to us. Every morning one could check on the internet the current Notfahrplan. This was a unique experience! I understood the true meaning of German discipline, organization and precision!!!”

Durchweg positive Rückmeldungen zu Land und Leuten

Viele der freien Kommentare drehen sich um Land und Leute. Dass diese Rückmeldungen fast durchweg positiv sind, ist erfreulich, mag aber auch einer grundsätzlichen Höflichkeit gegenüber dem Gastland geschuldet sein. In künftigen Befragungen soll mögliches negatives Feedback deshalb gezielt abgefragt werden.


 

Zitate

  • “I am amazed how much Germany has changed. My first long visit to this country was in 1999. Although many things have not changed much (for example, the DB [Deutsche Bahn] is as reliable and as expensive as before, the bakeries are as good as before, everything has to be environmentally friendly, or there is still not enough light on the streets), I have seen great improvements, such as the fact that food is much better and healthier or shops close much later. I think Germany is leading the right way to be known not only as a country were you can work, but also a country where you can enjoy life.”
  • “Germany has nice and beautiful cities, and the public transportation here is perfect but with low prices!”
  • “I found the German people very straight forward and law abiding.”
  • „Ich reiste viel mit dem ICE. Die Leute im Zug waren sehr nett, und ich konnte mit ihnen viel plaudern. So waren meine Reisen nicht einsam, sondern lustig. Jetzt ist mein Gedächtnis voll von wunderschönen Landschaften, freundlichen, netten und hilfsbereiten Leute sowie köstlichen Speisen.“

Aus Gründen der Authentizität wurden die Zitate prinzipiell sprachlich nicht überarbeitet; zum Teil wurden sie aber gekürzt und Hinweise auf konkrete Personen anonymisiert.


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