Humboldtianer im Fokus

Grüne Vision für Ulan Bator

Von Katja Winckler

Die mongolische Politologin und Klimaschutzstipendiatin Saruul Agvaandorjiin möchte den Sinn für globale Verantwortung bei Bergbaufirmen, Bürgern und Politikern schärfen. In Berlin knüpft sie Kontakte für den Umweltschutz in ihrer Heimat und stößt auf die deutsche Lust am Diskutieren.

Die mongolische Klimaschutzstipendiatin Saruul Agvaandorjiin knüpft in Berlin Kontakte für den Umweltschutz in ihrer Heimat.
Die mongolische Klimaschutz-
stipendiatin Saruul Agvaandorjiin
knüpft in Berlin Kontakte für den
Umweltschutz in ihrer Heimat.

Foto: Stefan Maria Rother

Saruul Agvaandorjiin hat eine Vision: Sie möchte in ihrem Land für einen umwelt- und menschenverträglicheren Bergbau und saubere Luft sorgen. Dafür hat sie in ihrer Dreizimmerwohnung im Stadtzentrum Ulan Bators ihre Koffer gepackt und ist mit ihrem Laptop unter dem Arm nach Berlin geflogen. Mit an Bord hatte sie auch ihre 19-jährige Tochter. Für ein Jahr wird Agvaandorjiin in Berlin bescheiden in einer Zweizimmerwohnung leben. Und immer wieder die über 6.000 Kilometer Entfernung und knapp neun Flugstunden in Kauf nehmen, um zwischen der Mongolei und Deutschland zu pendeln. Hohe Ansprüche hat sie nicht, dafür hohe Ideale.

In der deutschen Hauptstadt ist die 46-Jährige für die nächsten Monate Gast der Bundestagsfraktionspolitikerin Andrea Schwarzkopf von Bündnis 90/Die Grünen. Die promovierte Politikwissenschaftlerin und Germanistin ist als Klimaschutzstipendiatin der Humboldt-Stiftung in Berlin. Das in diesem Jahr gestartete Stipendienprogramm für Nachwuchsführungskräfte unterstützt Agvaandorjiin bei ihrem Projekt: Sie möchte unter anderem dafür sorgen, dass in die 34 mongolischen Umweltgesetze der Aspekt „Verantwortung“ aufgenommen und ein Umweltstandard eingeführt wird. „Zum großen Teil halten die Gesetze mit den heutigen, insbesondere durch den intensiven Bergbauboom verursachten aktuellen Bedingungen in der Mongolei nicht mehr Schritt. Ich möchte einen Teil dazu beitragen, dass die Bergbaufirmen, die Bürger und die Entscheidungsträger sich durch Gesetzesänderungen ihrer Verantwortung bewusster werden“, sagt die Mongolin, die vor sechs Jahren zur Grünen Bewegung in der Mongolei stieß und seit 2006 deren Vorsitzende ist. Ihrer Ansicht nach kann es nur eine Zukunft geben – und die ist grün.

Das Stipendium setzt auf Wissenstransfer zwischen deutschen und ausländischen Experten. 15 Stipendiatinnen und Stipendiaten aus Ägypten, Äthiopien, China, Indien, Kenia, Mexiko, Nigeria, Peru, den Philippinen und eben auch der Mongolei sind dabei. Sie arbeiten unter anderem in den Bereichen Außenpolitik und internationale Beziehungen, biotechnologische Verfahren, Forstwissenschaften, Ökono mie, öffentliches Recht, Ab wasserchemie, Ökologie und Klimatologie. Verwirklicht werden die Projekte an Universitäten, bei politischen Organisationen und anderen Institutionen.

Mehr Mitsprache in Umweltfragen

Ginge es nach Agvaandorjiin, sollten die internationalen Bergbaufirmen, die in der Mongolei insbesondere mit der Goldgewinnung gute Geschäfte machen, modernste, umweltfreundliche Technologien, wie erneuerbare Energien, einsetzen und den immensen Wasserverbrauch senken. Außerdem möchte die Wissenschaftlerin die Mög lichkeiten eines Ausbaus von Mitspracherechten der Bürger und einer Umwelterziehung untersuchen. Sie hofft, während ihres Stipendienjahres Kooperationen zwischen den entsprechenden Institutionen in Deutschland und der Mongolei herstellen zu können. Im Rahmen des Stipen diums besucht Agvaandorjiin deshalb Hochschulen wie die Technische Universität Bergakademie Freiberg und das Fraunhofer- Institut für Solare Energiesysteme in Freiburg im Schwarzwald. Das Öko-Institut (Institut für angewandte Ökologie) und die Photovoltaik-Anlagen in Freiburg hat sie bereits kennengelernt. „In meinem Land den Grundstein für das Green Business zu legen, ist eines meiner weiteren Ziele“, sagt sie. Derzeit knüpft sie Kontakte zu Wissenschaftlern und anderen Stipendiaten und hofft so, ihr Wissen über Bergbau, Jura, Lizenzenvergabe, erneuerbare Energien und Umwelterziehung sowie Stärkung von NGOs erweitern zu können.

Die Affinität zu Deutschland ist in Agvaandorjiins Familie tief verwurzelt: Ihr Großvater Erdene Batukhan, der erste Bildungsminister der Mongolei, hatte in den 1920er-Jahren die ersten Studenten aus der Mongolei zur Ausbildung nach Deutschland geschickt und diese selbst begleitet. Auch ihre Eltern waren von der deutschen Sprache und einer Ausbildung in Deutschland sehr angetan. Daher studierte Agvaandorjiin in Jena zu DDR-Zeiten Philosophie, promovierte mit einem Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes in Marburg und beschäftigte sich bei einem Gastaufenthalt in Wien mit dem Thema „Demokratisierungschancen in der Mongolei“.

„Es kann nur eine Zukunft geben – und die ist grün.“

In Deutschland hat Agvaandorjiin vor allem die Lust am Diskutieren begeistert. Diese Gesprächskultur würde sie gern in ihrer Heimat stärker etablieren. Die Basis dafür legte sie vor drei Jahren, als sie dort das bislang noch nicht offiziell registrierte Wissenschaftstransfer-Zentrum gründete. In Zusammenarbeit mit der Mongolian Democratic Union, der Mongolian University of Science and Technology und der Universität Marburg veranstaltete sie drei Sommerschulen zur „Evaluierung der mongolischen Demokratie“. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und dem Wegfall des „Großen Bruders“ Sowjet union veränderte sich vieles in der Mongolei: Die Suche nach einer nationalen Identität rückte damals in den Mittelpunkt. Außerdem standen auf einmal Firmen aus aller Welt vor der Tür, die sich für die mongolischen Bodenschätze wie Gold, Kupfer, Steinkohle und Erdöl interessierten.

Der Aufbau einer Zivilgesellschaft und eine verträglichere Goldgewinnung, das sind Agvaandorjiins zwei Kernthemen. Es ist ihr wichtig, dass Politikstudenten nicht ausschließlich in die Politik gehen, sondern sich einige auch für den Bereich der Forschung interessieren. „Wir müssen unsere Schwerpunkte im Studienangebot erweitern und die empirische Forschung vorantreiben. Ich möchte Diskussionen entfachen und in Gang halten.“ Erst neulich nahm sie an einer Bürgerversammlung in Kleinmachnow, einem Vorort von Berlin, teil. „Es war so erfrischend, wie lebendig dort über echte Probleme – vom Fahrradweg über Photovoltaikanlagen bis hin zu Fluglärm – diskutiert wurde.“ Etwas in der Art wird sie demnächst an der Mongolian University of Science and Technology umsetzen können. Es wird einen Magisterstudiengang Politologie geben genauso wie eine Fortbildung im Bereich Politikwissenschaften für Lehrer. Zumindest ein kleiner Teil ihrer Vision dürfte damit bereits Realität werden.

Kommentare

  • 14.07.2011 Khujanov

    respekt

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Katja Winckler Katja Winckler
Foto: privat

Katja Winckler ist freie Journalistin und lebt in Berlin. Sie schreibt Porträts und Reportagen für Magazine, Zeitungen und Unternehmen. © .de – Magazin Deutschland: www.magazin-deutschland.de.

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