Humboldtianer im Fokus

Ein Leben wie in der Telenovela

Von Carolina Agoff

Gewalt gegen Frauen gehört in vielen mexikanischen Familien immer noch zum Alltag. Dies liegt nicht nur an der Hartnäckigkeit von Traditionen. Auch ein modernes Medium wie das Fernsehen zeigt Frauen am liebsten in der Opferrolle.

Wenn dem Mann die Hand ausrutscht: typische Szene aus einer der in Mexiko sehr beliebten TV-Seifenopern, den Telenovelas
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Foto: privat

In Mexiko hat sich für Frauen in den letzten Jahren vieles verändert. Immer mehr Mexikanerinnen arbeiten, und die klassische Familie befindet sich im Wandel. Dennoch dominieren in weiten Teilen der Bevölkerung nach wie vor traditionelle Vorstellungen. Hierzu gehört, dass häusliche Gewalt gegen Frauen in Mexiko immer noch weit verbreitet ist. Laut einer Studie des Nationalen Instituts für Statistik aus dem Jahr 2006 wurde mehr als ein Viertel der Frauen in ihrer Partnerschaft oder Ehe Opfer von Gewalt. Nur rund ein Fünftel von ihnen suchte daraufhin rechtliche Unterstützung bei einer Hilfsorganisation. Alle anderen verzichteten auf eine Anzeige oder externen Beistand.

Neben traditionellen Werten und Rollenbildern tragen auch die Massenmedien zu dem Problem bei, etwa in Form der in Lateinamerika sehr populären Telenovelas. Viele Menschen unterschätzen den Einfluss dieser Fernsehdramen. Doch sie finden Einzug in jedes Heim, werden von allen Altersgruppen einer Familie angeschaut und dies über den ganzen Tag verteilt.

Frauenrollen: Opfer oder Bedrohung

Wenn dem Mann die Hand ausrutscht: typische Szene aus einer der in Mexiko sehr beliebten TV-Seifenopern, den Telenovelas
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In diesem TV-Genre werden zwei weibliche Stereotype dargestellt: zum einen die Frau, die für die Moral innerhalb der Handlung steht, die gut und unterwürfig ist und der Diskriminierung und Gewalt der anderen Charaktere zum Opfer fällt; zum anderen die bedrohliche Frau, die mit den anderen Frauen und dem männlichen Protagonisten konkurriert. Wie selbstverständlich ist die Frau in einem Telenovela-Drehbuch das Opfer von Aggressionen, Beleidigungen, Eifersuchtsanfällen und Drohungen seitens ihres Partners. Diese stereotypen Darstellungen von Frauen sind überaus problematisch, da sie sowohl im privaten Bereich als auch in der Politik den Bemühungen um Gleichberechtigung entgegenwirken.

Die Frau ist die treibende Kraft einer unteilbaren Gruppe, der Familie. Dies bestimmt ihr Selbstbild – im Gegensatz zu einer Selbst- und Fremdkonzeption als Rechtssubjekt. Die Familie ist das Symbol für die Verwirklichung der Frau, und durch sie wird ihre individuelle Stellung de finiert. Dabei empfindet die Frau ein besonderes Gefühl von Würde, das ihr nicht erlaubt, in emanzipatorischen Kategorien zu denken und Gleichheit der Geschlechter – auch vor dem Gesetz – einzufordern. Nur so kann man verstehen, dass eine Frau häusliche Gewalt duldet. Sie schützt damit ihre Familie, die ihnen Identität und einen sozialen Status gibt.

Wenn dem Mann die Hand ausrutscht: typische Szene aus einer der in Mexiko sehr beliebten TV-Seifenopern, den Telenovelas
... aus einer der in Mexiko sehr
beliebten TV-Seifenopern, den
Telenovelas.

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Das führt dazu, dass Frauen häusliche Gewalt nicht als Ungerechtigkeit oder Verletzung ihrer Rechte begreifen. In vielen Fällen hat man festgestellt, dass Frauen männliche Gewalt als Bestrafung dafür akzeptieren, dass sie ihre Rolle nicht wie erwartet spielen. Einige Frauen haben das Gefühl, dass sie etwas verbrochen haben, und werden von Schuldgefühlen geplagt, wenn der Mann ihr Verhalten moralisch infrage stellt oder die Anwendung von Gewalt damit begründet, die Frau sei ihren häuslichen Verpflichtungen nicht nachgekommen. Die Gewalt wird so zu einer verdienten Strafe oder im besten Fall zu einer unverdienten Strafe – aber nicht zu einer Straftat. Misshandlung wird diese Weise zu einem akzeptierten Teil des natürlichen Schicksals jeder Frau.

Auch das Familiennetz dieser Frauen bietet nicht unbedingt Rückhalt, sondern schafft vielmehr eine Umgebung, die die Frau verletzlich macht, Gewaltakte gegen Frauen erst ermöglicht oder es erschwert, sich gegen sie zur Wehr zu setzen. Die Rollen der Schwiegermütter und der Schwägerinnen, die häufig mit den Partnern zusammenleben, sind besonders negativ geprägt. Oft verschärfen beide durch die Förderung und Überwachung traditioneller Geschlechterrollen das Problem.

Frauen müssen auf ihre Rechte pochen

„Viele Frauen akzeptieren männliche Gewalt als Bestrafung dafür, dass sie ihre Rolle nicht wie erwartet spielen.“

All dies zeigt, dass Frauen noch nicht in der Lage sind, häusliche Gewalt in Rechtskategorien zu deuten, sondern dass sie diese eher an ihrer eigenen Tugendhaftigkeit, also den moralischen Erwartungen, die an sie gestellt werden, messen.

Wie kann erreicht werden, dass Frauen ihre Rechte kennen und einfordern? Wir wissen, dass die bloße Einführung eines Rechts nicht gleichzusetzen ist mit seiner tatsächlichen Ausübung. Damit dies geschieht, muss das Recht propagiert und gefördert werden. Damit Rechte wirken können, müssen sie als solche von der Gesellschaft anerkannt und umgesetzt werden. Die Gesellschaft muss diese Rechte vollkommen in ihre Vorstellung von der sozialen Wirklichkeit aufnehmen. Die Massenmedien müssen aufhören, die traditionelle Rolle der Frau immer wieder zu reproduzieren, und stattdessen helfen, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Gewalt gegen Frauen nicht normal ist. Hierzu müssen sie im Kampf gegen geschlechtliche Gewalt Verantwortung übernehmen, etwa indem sie Frauen zeigen, die sich über Gewalt empören, die auf ihre Rechte pochen und ihre Würde verteidigen.

Dies sowie die zunehmenden öffentlichen Diskussionen, die Sensibilisierungskampagnen und die Verabschiedung von Gesetzen sind ein Anfang, damit sich das Selbstverständnis der Frau ändert hin zu dem einer mündigen, ihre Rechte ausübenden und verteidigenden Bürgerin. Denn Gewalt sollte nicht als verdiente oder unverdiente Strafe verstanden werden, sondern als moralische Erniedrigung und Straftat.


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Carolina Agoff Carolina Agoff
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Dr. Maria Carolina Agoff lehrt Soziologie an der Universidad Nacional Autónoma de México. Als Thyssen-Humboldt-Kurzzeitstipendiatin war sie 2009 am Lateinamerika-Institut der Freien Universität Berlin.

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