Interviews

„Wir leben aus dem Wettbewerbsprinzip – oder wir leben nicht“

Wolfgang Herrmann, Präsident der Technischen Universität München, im Gespräch über die Berufungspolitik, über Neid unter Professoren – und über die Bedeutung von italienischem Essen.

Wolfgang Herrmann
Wolfgang Herrmann
Foto: Andreas Heddergott /
TU München

Kosmos: Professor Herrmann, verraten Sie uns: Was ist das Geheimnis der „Osteria Italiana“?
Herrmann: Es ist das älteste italienische Lokal in München, der „nördlichsten Stadt Italiens“, fünf Minuten von der TU entfernt. Da trifft man sich, wenn man Dinge miteinander zu einem Ergebnis bringen möchte – am besten bei Seewolf im Salzmantel mit sizilianischem Weißwein.

Kosmos: Es ist ein offenes Geheimnis, dass Sie sich da mit möglichen neuen Professoren treffen. Die Liebe zur TU München geht also durch den Magen?
Herrmann: Es ist eine Frage der Wertschätzung, wie man Kollegen von Anfang an begegnet, die man für die nächsten Jahre an dieser Universität halten will. Es zählen nicht nur angebotene Millionen für die Erstausstattung und 7,5 Assistentenstellen, die wir den Professoren einrichten. Am Ende gibt das persönliche Verhältnis den Ausschlag. Manche Hochschulen setzen allein auf Zielvereinbarungen, wir bauen lieber eine Vertrauensbasis auf. Das ist das bessere Kapital.

Kosmos: Wenn Sie mit Bewerbern aus dem Ausland sprechen – was hören Sie von ihnen dazu, wie attraktiv der Forschungsstandort Deutschland ist?
Herrmann: Wie interessant eine konkrete Universität ist, hängt davon ab, wie leistungsstark das wissenschaftliche Umfeld ist, wie eng sie also beispielsweise vernetzt ist mit weiteren Forschungseinrichtungen. Das höre ich in den Gesprächen immer wieder. Der zweite Punkt ist die Verlässlichkeit der Rahmenbedingungen für die Arbeit, die verlässliche Grundausstattung für Lehrstühle. In den USA etwa ist die Grundausstattung sehr gering, und das Gehalt hängt in hohem Maße von der Leistung und der forschungspolitischen Stimmung ab, von wissenschaftlichen Trends.

Kosmos: Auf der einen Seite wollen Sie Spitzenforschung, auf der anderen Seite bilden Sie derzeit mehr als 26.000 Studierende aus. Wie halten Sie da die Balance – oder anders ausgedrückt: Wie viel Exzellenz verträgt eine Universität?
Herrmann: Sie verträgt Exzellenz dann, wenn sie zu ihren Zielsetzungen gehört, wenn sich die gesamte Universität zu den besten Standards bekennt. Das tut die TU München. Darum gibt es bei jedem Erfolg nur Freude. Als ich hier vor 25 Jahren angefangen habe, überlegte ein Senat noch, ob man überhaupt weitere Sonderforschungsbereichs-Anträge genehmigen solle, denn das würde ja auch zulasten der Allgemeinkasse gehen. Diese Zeiten sind längst überwunden. Die TU München hat völlig verinnerlicht: Wir leben aus dem Wettbewerbsprinzip – oder wir leben nicht. Jeder Erfolg wirkt als Stimulus in den Bereichen, die noch nicht ganz so weit sind.

Kosmos: Die Studierenden sähen doch sicher lieber mehr Geld in der Lehre als in der Forschung ...?
Herrmann: Wir tun das Unsrige, dass die Lehre einen hohen Stellenwert hat. So sind wir beispielsweise bei jedem Wettbewerb erfolgreich dabei, wo es um Geld für die Lehre geht. 20 Millionen Euro für zehn Jahre haben wir auf diese Weise akquiriert.

Kosmos: Hand aufs Herz: Gibt es keinen Neid bei Ihnen?
Herrmann: Überhaupt nicht. Alle sind stolz darauf, dass wir jetzt beispielsweise drei Humboldt-Professoren haben, und strengen sich an, dass wir den vierten kriegen. Alle Fakultäten schauen bei Berufungsverfahren nach entsprechend großen Kalibern, die man für den Preis nominieren kann. Das hat die Standards noch einmal stärker ins Bewusstsein gerückt.

Kosmos: Spitzenforschung strahlt üblicherweise aus. Wie wichtig sind für Sie Allianzen mit anderen Hochschulen und Institutionen in der Region?
Herrmann: Sie haben Recht: Exzellente Wissenschaftler arbeiten häufig in Netzwerken. Wir sind sehr stark im Wissenschaftsgroßraum München verankert, fachlich verbunden mit der Ludwig-Maximilians-Universität München, mit der Universität der Bundeswehr, mit der Hochschule für Philosophie, auch mit Augsburg kooperieren wir. Diese Politik betreiben wir seit Jahren konsequent, denn gemeinsam ist man stärker. Professoren der TUM leiten 17 der 31 Institute des Helmholtz-Zentrums München und drei der Fraunhofer-Institute in der Region – das sind gemeinsam berufene Lehrstuhlinhaber. Es ist also ein sehr enges Netzwerk, das wir weiter ausbauen.

Kosmos: Welchen Wert hat diese Vernetzung für die Forscher?
Herrmann: Wissenschaft wird immer komplexer und vielfältiger – da ist es für den einzelnen Forscher ein Riesenvorteil, wenn er Nachbardisziplinen in sein Netzwerk einbinden kann, denn so kann ein Thema sehr umfassend behandelt werden. Für viele Rufempfänger ist das ein Grund, nach München zu kommen.

Kosmos: Können Sie ein Beispiel nennen, wie herausragende Persönlichkeiten etwas Besonderes bewegen?
Herrmann: Professor Hubert Gasteiger vom MIT ist erst zwei Jahre bei uns und bereits Sprecher des Exzellenzantrags Elektromobilität – so setzt sich die Auswahl sehr schnell in Erfolge um.

Interview: Thomas Röbke


Beitrag kommentieren

Wenn Sie Humboldtianer sind und sich eingeloggt haben, können Sie diesen Beitrag oder die Kommentare andere Humboldtianer kommentieren. (Bitte lesen Sie zunächst den Kommentarleitfaden)

Kommentarleitfaden

Humboldtianer haben nach dem Login die Möglichkeit, sich mit den Beiträgen des Humboldt Kosmos auseinanderzusetzen und eigene Kommentare von bis zu 1.000 Zeichen Länge in deutscher und englischer Sprache zu veröffentlichen. Im Falle der Veröffentlichung erscheint Ihr Kommentar unter Ihrem Namen.

Jeder Kommentar wird von der Redaktion geprüft und schnellstmöglich veröffentlicht, es sei denn es bestehen hiergegen rechtliche oder inhaltliche Bedenken. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nötigenfalls zu kürzen und zu bearbeiten. Bitte bedenken Sie, dass veröffentlichte Kommentare von jedermann im Internet eingesehen und von Suchmaschinen aufgefunden werden können.