Meinungen

Obamas Forschungspolitik eröffnet neue Chancen für Deutschland

Von Cathleen Fisher

Die Politik und die Haushaltspläne der Obama-Regierung halten für amerikanische Wissenschaftler aufregende Neuigkeiten bereit. Wie der Präsident in seiner letzten Rede vor der National Academy of Sciences ausführte, will die Regierung die Investitionen in Forschung und Entwicklung auf über drei Prozent des amerikanischen Bruttoinlandsprodukts anheben und die Finanzierung von Wissenschaft und Technologie mit einem ganzen Maßnahmenpaket ankurbeln. Die Regierung will Initiativen für saubere Energien und den Klimaschutz fördern und für effiziente erneuerbare Energiequellen 150 Milliarden Dollar über zehn Jahre zur Verfügung stellen. Darüber hinaus stößt Obama neue Initiativen im Gesundheitswesen an, zum Beispiel die elektronische Speicherung medizinischer Daten und die Verdoppelung der Mittel für die Krebsforschung auf 6 Milliarden Dollar über die nächsten zehn Jahre.

Für Deutschland bietet die wiederauflebende Begeisterung für Wissenschaft und Forschung in den USA sowohl Herausforderungen als auch Chancen. Die Aufregung in der amerikanischen Wissenschaftsgemeinde ist deutlich spürbar. Obwohl viele Wissenschaftler befürchten, dass der momentane Aufschwung in der Wissenschaftsfinanzierung nicht dauerhaft aufrechterhalten werden kann, freuen sich auch viele über ihre „forschungsfreundliche“ Regierung, die jetzt auf die Wissenschaftler setzt, um lange aufgeschobene Probleme in den Bereichen Energie, Klima und Gesundheit anzugehen. Seit der Ankündigung der Anschubfinanzierung für wissenschaftliche Vorhaben sind Forscher im ganzen Land eifrig dabei, Forschungsanträge an die verschiedenen staatlichen Förderorganisationen vorzubereiten. Allein die National Institutes of Health registrierten bis zum Stichtag Ende Mai mehr als 20 000 Anträge.

Es könnte in nächster Zukunft schwieriger werden, Wissenschaftler in den USA zu einem Forschungsaufenthalt im Ausland zu bewegen, besonders jene, die von der Finanzspritze profitieren. Auf der anderen Seite eröffnet die Wissenschaftsinitiative der US-Regierung auch deutschen Förderorganisationen neue Möglichkeiten. So kann es zum Beispiel sein, dass überzeugende Forschungsanträge in den Vereinigten Staaten dennoch nicht gefördert werden. Und die Prioritäten, die die Obama-Regierung in der Forschungsförderung setzt, gleichen in vielerlei Hinsicht den Zielen der deutschen Hightech-Strategie. Angesichts Deutschlands längerfristiger Investitionen und seinem wissenschaftlichen Vorsprung in den Bereichen Klima, Energie, Umwelt und Gesundheit könnten daher amerikanische Forscher echte Vorteile im wissenschaftlichen Austausch mit Deutschland sehen.

Forschungsförderung heute und morgen

Die Dauerhaftigkeit der Forschungsförderung ist jedoch sowohl in Deutschland als auch in den Vereinigten Staaten ein zentrales Thema. Die kurzfristige Haushaltsperspektive für Forschung und Technologie ist in den Vereinigten Staaten wie auch in Deutschland positiv. Kritisch für beide Länder ist die Frage, ob die Investitionen in Zukunft aufrechterhalten werden können. Vor der National Academy of Sciences sicherte Präsident Obama zu, die Ausgaben, die auf dem Höhepunkt des Wettlaufs ins All getätigt wurden, noch zu übertreffen, „mit einer Politik, die in die Grundlagen- und angewandte Forschung investiert, die neue Anreize für private Innovationen schafft, Durchbrüche in Energiefragen und Medizin fördert und die mathematische und naturwissenschaftliche Ausbildung an den Schulen verbessert“. Dies nannte er „die stärkste Verpflichtung für wissenschaftliche Forschung und Innovation in der amerikanischen Geschichte“. Gleichwohl bleibt die entscheidende Frage sowohl in Amerika als auch in Deutschland, ob der politische Wille, in Wissenschaft und Ausbildung zu investieren, auch angesichts der weltweiten Wirtschaftsrezession aufrechterhalten werden kann.

Für die amerikanischen wie auch die deutschen Wissenschaftsförderer gibt es zwei weitere langfristige Herausforderungen. Erstens: Spitzenforschung wird häufig an den Schnittstellen zwischen den Disziplinen praktiziert, wohingegen die Rekrutierung von Wissenschaftlern und die Forschungsförderung noch zu oft innerhalb der engen Grenzen der Disziplinen stattfinden. Zweitens: Eine meist fächerübergreifende Zusammenarbeit im Team ist überall dort, wo Wissenschaftler an der Lösung großer gesellschaftlicher Probleme wie in den Bereichen Energie oder Klima arbeiten, wichtiger denn je. Dies stellt eine Forschungsförderung, die auf den einzelnen Wissenschaftler zugeschnitten ist, in Frage.

Beide Entwicklungen stellen die herkömmliche Form der Forschungsförderung in Frage, beispielsweise die Konzentration auf die einzelnen Disziplinen statt auf Forschungsbereiche oder wissenschaftliche Probleme oder der Fokus auf die Qualität des einzelnen Wissenschaftlers statt auf kleinere exzellente Teams. Amerikanische und deutsche Forschungsförderorganisationen könnten gezwungen sein, ihre Strukturen und Abläufe an diese wesentlichen Änderungen in der heutigen Wissenschaft anzupassen.

In der Zwischenzeit feiern die amerikanischen Wissenschaftler den inspirierenden Neubeginn und freuen sich auf anregende Zeiten in Wissenschaft und Forschung.


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