Meinungen
Das paradoxe Lob der Internationalität
Von Jürgen Kaube
Drei Formen wissenschaftlicher Mobilität lassen sich unterscheiden. Die erste, gewissermaßen die natürlichste Form, ist die Forschungsreise. Sie ergibt sich daraus, dass der Forscher und sein Gegenstand räumlich getrennt sind. Beim Gegenstand kann es sich dabei um den Meeresboden,die Innenstadt von Chicago, um Troja oder um seltene Bücher handeln. Man reist, weil man andernfalls das Objekt nur vom Hörensagen kennen würde.
Eine zweite Form wissenschaftlicher Mobilität ist der Forschungsaufenthalt. Hier bewegt sich der Wissenschaftler nicht, um sein Objekt, sondern um sein Intersubjekt zu treffen: in einem anderen Labor, an einer anderen Universität. Doch wozu eigentlich? Erkenntnisse, die andernorts erzielt werden, werden heute recht schnell weltweit bekannt. Der Sinn der Migration von Wissenschaftlern kann folglich nicht darin bestehen herauszufinden, was andernorts geforscht wird.
Oft läuft das Lob der Internationalität darum auf ein Paradox hinaus. Einerseits wird die Herkunft eines Forschers als unbeachtlich für die Forschung bezeichnet. Die Wahrheit hat kein Nationaltrikot. Andererseits soll es einen Zusammenhang zwischen der internationalen Besetzung einer Forschungseinrichtung und ihrer Qualität geben. Empirisch betrachtet variieren allerdings, wie der Historiker Caspar Hirschi berechnet hat, die Ausländeranteile am wissenschaftlichen Personal hochrangiger Universitäten erheblich: Eidgenössische Technische Hochschule Zürich 52 Prozent, University of Oxford 38 Prozent, University of Chicago 22 Prozent, École Polytechnique 16 Prozent, Massachusetts Institute of Technology 7 Prozent, StanfordUniversity 5 Prozent. Man nimmt also an, dass es für einen ausländischen Forscher gut ist, in Stanford gewesen zu sein, obwohl die Qualität der Forschung in Stanford nicht dadurch beeinträchtigt wird, dass das vergleichsweise selten geschieht.
Es geht bei dieser Art wissenschaftlicher Mobilität aber gar nicht um Leistungen, die man abrechnen könnte. Es geht mehr um das „Wie“ der Forschung, um den Stil von Labors, um die noch nicht publikationsfähigen Ideen, um das tacit knowledge, das implizite Wissen. Es geht um Gedanken, die sich aus Vergleichen heraus ergeben und um die Erfrischung des Verstandes durch einen Wechsel der Lokalität. Es geht um die Suche nach besseren Ressourcen, für manche Forscher auch um die Flucht vor politischen Repressionen. Und natürlich geht es auch um Reputationsosmose: Wer „Princefordyalebridge“ als Station dokumentieren kann, dessen Biografie tönt, um einen schönen schweizerischen Ausdruck zu verwenden, schon ganz anders.
Mobilität als kulturelle Erwartung
Das häufigste Motiv für Wissenschaftler, sich im Raum zu bewegen, wird merkwürdigerweise nur selten unter dem Titel „Mobilität“ erörtert. Gemeint ist der Tagungsbesuch, inzwischen fast eingeholt durch das Kommissionstreffen, die Begehung und den Gastvortrag. Es geht also um die Dienstreise. Im Durchschnitt sind nur etwa 6 Prozent aller Wissenschaftler eines europäischen Landes Ausländer, aber auf Dienstreisen halten sich weitaus größere Anteile der Wissenschaft fernab ihres Forschungsstandorts auf. Im September scheinen es mitunter fast alle zu sein. Man kann sich fragen, warum das auch in Zeiten der elektronisch erleichterten Kommunikation so ist. Und man kann sich fragen, ob jemals ein Erkenntnisgewinn durch Tagungsbesuche und – vor allem in den Geisteswissenschaften – das Anhören von vorgelesenen Manuskripten realisiert wurde, die man auch hätte nachlesen können.
Insgesamt scheint also Mobilität in der Wissenschaft, diesseits von Forschungsreisen im althergebrachten Sinne, zumeist mehr eine kulturelle Erwartung und ein persönliches Vergnügen zu sein als eine strikte Bedingung für kognitiven Fortschritt. In einem System, das auf dem Austausch von Publikationen beruht, verkörpert sie den urtümlichen Hang zur Interaktion mit Anwesenden. Nice to have. Darum muss man sich, was die Erkenntnis angeht, weder um Leute und Fächer Sorgen machen, die Intelligenz mit Provinzialität kombinieren, noch bange sein, wenn bald das Benzin knapper wird.
Beitrag kommentieren
Wenn Sie Humboldtianer sind und sich eingeloggt haben, können Sie diesen Beitrag oder die Kommentare andere Humboldtianer kommentieren. (Bitte lesen Sie zunächst den Kommentarleitfaden)
Kommentarleitfaden
Humboldtianer haben nach dem Login die Möglichkeit, sich mit den Beiträgen des Humboldt Kosmos auseinanderzusetzen und eigene Kommentare von bis zu 1.000 Zeichen Länge in deutscher und englischer Sprache zu veröffentlichen. Im Falle der Veröffentlichung erscheint Ihr Kommentar unter Ihrem Namen.
Jeder Kommentar wird von der Redaktion geprüft und schnellstmöglich veröffentlicht, es sei denn es bestehen hiergegen rechtliche oder inhaltliche Bedenken. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nötigenfalls zu kürzen und zu bearbeiten. Bitte bedenken Sie, dass veröffentlichte Kommentare von jedermann im Internet eingesehen und von Suchmaschinen aufgefunden werden können.