Meinungen
Stattliches Haus, schwaches Fundament
Von Lilo Berg
Ein Jahr nach der Wiedervereinigung, 1991, reiste ich für meine Zeitung nach Dresden, um über den ersten gesamtdeutschen Psychologentag zu berichten. Er fand an der Technischen Universität statt, in einem heruntergekommenen Institutsgebäude. Die Stimmung war prächtig, die Fachleute aus Ost und West hatten sich viel zu erzählen, friedlich saß man im großen Hörsaal zusammen – bis eine meterhohe Glasscheibe aus der Seitenwand in den Raum krachte. Verletzt hatte sich zum Glück niemand, es blieb beim Schrecken, aber der saß tief. „Da seht Ihr“, witzelte ein ostdeutscher Psychologe, „die DDR war so baufällig, sie wäre auch ohne Wende zusammengebrochen.“
Zwanzig Jahre danach gibt es in Deutschland immer noch marode Hochschulgebäude. Aber sie stehen im Westen, nicht im Osten. Wer heute einen Hochschulcampus in den neuen Ländern besucht, sieht moderne Institute, Labore und Bibliotheken auf dem neuesten Stand. Und wer sich dann noch die Deutschlandkarten der Forschungseinrichtungen anschaut, entdeckt im Westteil des Landes viel größere weiße Flecken als im Osten. Dort liegen zum Beispiel mehr als ein Drittel aller außeruniversitären Institute – bei einem Bevölkerungsanteil von gerade mal einem Fünftel.
Abgeschlagen im Exzellenzwettbewerb
Das Haus ist gebaut, aber das Fundament ist schwach. Besonders augenfällig wurde das bei der letzten Runde des Exzellenzwettbewerbs der deutschen Universitäten. Nur wenige Anträge aus dem Osten überzeugten die Gutachter. Die begehrten Eliteprädikate gab es nur für westdeutsche Hochschulen. Kümmerliche 2,3 Prozent der Gesamtfördersumme von 1,9 Milliarden Euro flossen in die neuen Länder.
„Heute stehen die maroden Unis im Westen, nicht im Osten.“
„Was braucht man für eine Universität vom Kaliber Harvards?“, soll ein amerikanischer Hochschulgründer einmal gefragt haben. Die Antwort lautete: „Sehr viel Geld und hundert Jahre Zeit.“ Beides fehlt im deutschen Osten. In den kommenden Jahren laufen die großen Sonderförderprogramme aus. Dann müssen die Hochschulen aus eigener Kraft überleben. Zu erwarten ist ein harter Legitimationswettbewerb. Denn zum einen gibt es durch den Geburtenknick nach der Wende immer weniger Studienanfänger, zum anderen fehlen vielerorts die Großunternehmen mit ihrem Bedarf an Hochschulabsolventen und akademischer Forschungs kooperation. Die siedeln sich aber nur dort an, wo eine gute wissenschaftliche Infrastruktur besteht.
Der Osten gibt nicht auf
Ostdeutschland sitzt in der Zwickmühle. Aber es ergibt sich nicht. In Jena zum Beispiel arbeiten Universität, außeruniversitäre Institute und Wirtschaft seit Jahren eng zusammen – zahlreiche neue Arbeitsplätze, etwa in der optischen Industrie, sind der Lohn. Und die Stadt tut alles, um Studenten von auswärts in das Tübingen des Ostens zu locken. Die Argumente liegen auf der Hand, und sie gelten für alle neuen Länder: gute Lehre, keine Studiengebühren und besonders niedrige Lebenshaltungskosten. Das kleine Greifswald an der Ostseeküste könnte zu einem Mekka der Lebenswissenschaften werden – dieses Ziel verfolgt eine Gruppe von ehrgeizigen Biologen und Medizinern. Es gibt viele Preziosen, man muss nur genau hinschauen.
Und schließlich Dresden. Auch dort arbeiten diejenigen, die mit Forschung zu tun haben, Hand in Hand, und das Land Sachsen bietet verlässliche Förderung. Ein sächsisches Silicon Valley ist entstanden mit Tausenden neuen Arbeitsplätzen. Die Drittmittel sprudeln, die Zahl der Patente erreicht Rekordhöhen.
Konzentration auf klug ausgewählte Schwerpunkte, Forschungskooperationen, stabile staatliche Förderung – so buchstabiert sich der Erfolg im Osten. Angesichts der demografischen Wende werden neue Ideen hinzukommen müssen: mehr englischsprachige Studiengänge, um Ausländer anzulocken, Weiterbildungscurricula für die erwachsene Bevölkerung, aber auch Zusammenschlüsse regionaler Innovationsträger. Experimente sind gefragt, an den Ergebnissen hängt das Schicksal Ostdeutschlands.
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