Meinungen
Wert und Werte der Wissenschaft
Von Enno Aufderheide
Als ich im Frühjahr zu Gesprächen in der Volksrepublik China war, sagte einer meiner Gesprächspartner in Peking augenzwinkernd zu mir: „Jetzt kennt Deutschland sich ja auch mit Plagiaten aus.“ Die Äußerung traf mich nicht unerwartet: Gerade kochte in Deutschland die Diskussion über die Dissertation des damaligen Verteidigungsministers hoch, dessen scheinbar eigene Ideen in seiner Doktorarbeit tatsächlich ohne Quellenangabe von anderen abgeschrieben waren. Wenige Tage später musste dieser Minister zurücktreten, und weitere Politiker sind ins Visier der Plagiatsjäger geraten und müssen sich mit Rücktrittsforderungen auseinandersetzen. In Deutschland beherrschen solche Nachrichten die Schlagzeilen. Dass sie auch im Ausland wahrgenommen werden, zeigen die Reaktionen der Gesprächspartner in China und anderswo.
In der Plagiatsaffäre geht es auch um internationales Vertrauen
Ist dieser Vorgang wichtig für die Alexander von Humboldt-Stiftung? Ich glaube ja, denn es geht uns doch darum, ein internationales Netzwerk des Vertrauens auszubilden. Vertrauen auch darauf, dass deutsche Wissenschaft der Wahrheit verpflichtet und an vielen Stellen von allerhöchster Qualität ist. Insofern freue ich mich über die Diskussion, die dieser Fall und einige weitere, die seither aufgedeckt wurden, in Deutschland ausgelöst haben. Durch diese Diskussion rücken der Wert und die Werte der Wissenschaft wieder in den Vordergrund. Zur verständlichen Entrüstung über die betreffenden Politiker kommt die kritische Auseinandersetzung über den Stellenwert der Promotion in Deutschland. Ein Doktortitel gilt vielen als Vorteil für die außerwissenschaftliche Karriere. Das eigentliche Ziel wissenschaftlichen Arbeitens, der Erkenntnisgewinn, wird in diesen Fällen zur Nebensache. Der zweite Teil der Diskussion dreht sich um die Frage, wie die Universitäten sicherstellen, dass wissenschaftliche Standards eingehalten werden. Was muss hierzu geschehen?
„Für die Karriere wird wissenschaftlicher Erkenntnisgewinn zur Nebensache.“
Erstens: Der beste Schutz vor Betrug in der Wissenschaft ist eine eng vernetzte Kooperation, in der Kolleginnen und Kollegen ihre Ergebnisse gegenseitig verfolgen und beurteilen können. Insofern wundert es auch nicht, dass keiner der bisherigen Fälle in den Naturwissenschaften aufgetreten ist, in denen solche Kooperationen schon allein innerhalb der Arbeitsgruppen weit selbstverständlicher sind als in den Geistes- und Sozialwissenschaften.
Zweitens: Im Fall der Promovierenden kommt in allen Disziplinen die Notwendigkeit einer guten Betreuung durch Doktormutter oder Doktorvater hinzu. Im deutschen Hochschulsystem ist diese Betreuung in den letzten Jahren durch die Einführung von Graduiertenkollegs, International Max Planck Research Schools, Helmholtz-Kollegs und anderen deutlich verbessert worden.
Gute Betreuung ist der Schlüssel
Insgesamt werden in Deutschland jedes Jahr zwischen 20 000 und 30 000 Promotionen abgeschlossen. Die Qualität fast aller dieser Promotionen hat aus meiner Sicht mit Recht im internationalen Vergleich einen ebenso guten Stand wie die deutsche Wissenschaft insgesamt. Das Netzwerk des Vertrauens wird durch die schwarzen Schafe nicht infrage gestellt. Es ist aber richtig, dass wir uns anhand dieser Fälle noch einmal bewusst machen, dass Wahrhaftigkeit im wissenschaftlichen Diskurs unverzichtbar ist. Dies muss schon Studierenden aktiv und ohne Einschränkung vermittelt werden. Die Betreuenden müssen ihre Aufgaben noch ernster nehmen. Die große öffentliche Aufmerksamkeit aller Medien und fast aller Kreise der Bevölkerung zeigt, wie groß in Deutschland die Wertschätzung für wissenschaftliche Werte und für den Beitrag, den wahrhafte Wissenschaft zum Fortschritt unseres Landes leistet, ist. Sie ist deshalb Ermutigung und Verpflichtung, die Werte der Wissenschaft zu jeder Zeit zu verteidigen.
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